| Jean-François Lyotard (1924-1998) |
| Mit seiner Absage an die grossen Meta- Erzählungen der Moderne profiliert Lyotard nicht
nur den Begriff der Postmoderne, sondern auch (um nach Auschwitz die Ehre des Denkens zu bewahren) eine Philosophie
des Widerstreits. Im Gegensatz zum modernen Programm der Universalisierung von Subjekt und Welt -Versöhnung nach
Hegel (und auch nach
Adorno) kommt damit wieder ein Anspruch zum Zuge, der die Unvereinbarkeit
von konkurrierenden Diskursformen akzeptiert und vorallem provozieren will. Dies hat aber zur Folge, dass
allgemeingültige Verbindlichkeiten vollständig aufgegeben werden.
Lyotard schlägt stattdessen nach dem von ihm im "Postmodernen Wissen" diagnostizierten Autoritäts- Verlust einen Wissenstyp vor, der nicht mehr einen Konsens (der für ihn strukturell schon den Terror in sich trägt) zum Ziel hat, sondern das Unbekannte und noch nicht Eingeordnete produktiv im Dissens einfordern soll. In einem immer offen bleibenden System von Wittgensteinschen Sprachspielen soll eine differente Praxis etabliert werden, mit der sich gesellschaftlicher Konflikte konstruktiv austragen lassen. Im Sinne von Kuhn ergibt sich damit ein Paradigmenwechsel, der das Modell der Moderne nicht gänzlich in Frage stellt, sondern in einer neuen Qualität und Radikalität weiterführen bzw. transformieren will. Für Lyotard verbindet sich mit solchen offenen Diskursen ein Kampf gegen das herrschende Denken von Effizienz und Ordnung. Bereits seine frühen Arbeiten "Patchwork der Minderheiten" und "Ökonomie des Wunsches" sind einer differenten Praxis des Begehrens verpflichtet, wenn mit Listen und Finten in die zentralisierten Räume der ökonomischen und politischen Diskurse Paradoxa installiert werden sollen, um ihre Ordnung und Logik aufzubrechen. In einer Zeit, als er noch der Gruppe "Socialisme ou Barbarie" angehört, richtet sich dieser Anspruch auch gegen einen erstarrten dialektischen Materialismus im Marxismus. In späteren Texten konkretisiert sich mit dem Zustand des Widerstreits mehr eine ästhetische Vorstellung, die von einer Intensivierung des Seinserlebens und der Wahrnehmung ausgeht. Die Vieldeutigkeit der Wahrheit stellt sich für ihn nunmehr mit dem Ereignischarakter einer neuen Avantgarde- Kunst her. In einer Kunst der Subversion, die manchmal zu einer "Ästhetik des Äussersten" verklärt wird, aber einen Eklektizismus, der die Verantwortungslosigkeit des Künstlers kultiviert, deutlich ablehnt. Nach seinem Studium an der Sorbonne arbeitet Lyotard ab 1950 als Lehrer an einem Gymnasium. Während seiner Assistentenzeit an der Sorbonne gehört er der marxistischen Gruppe "Socialisme ou Barbarie" um Castoriadis und Claude Lefort an. Als sich hier Anfang der 60er Jahre ein dogmatischer Kurs durchsetzt, geht er wieder eigene Wege. Ab 1966 übernimmt er eine Lehrtätigkeit in Nanterre sowie Vincennes und nach seiner Habilitation bis 1987 eine ausserordentliche Professur an der "Université de Paris" in Vincennes/ Saint-Denis. In seinen ersten Veröffentlichungen "Discourse figure" (1971) und "Èconomie libidiale - Ökonomie des Wunsches" (1974) setzte er sich noch kritisch mit marxistischen und psychoanalytischen Modellen --speziell mit der Libidotheorie-- auseinander. 1977 wird sein Buch "Das Patchwork der Minderheiten" gefolgt von der Schrift "Apathie der Theorie" (1979) veröffentlicht. International bekannt wird Lyotard mit seiner im Auftrag der Regierung von Québec 1979 vorgelegten Schrift "La condition postmoderne - Das postmoderne Wissen". Sein sprachphilosophisch an Wittgenstein orientiertes Werk "Le différend - Der Widerstreit" erscheint 1983 und drei Jahre später "L’enthousiasme - Der Enthusiasmus" und "La postmoderne expliquée aux enfants - Postmoderne für Kinder". In deutscher Übersetzung werden desweiteren zahlreiche Schriften von ihm herausgegeben: u.a. "Essays zu einer affirmativen Ästhetik" (1982), "Grabmal des Intellektuellen" (1985), "Die Transformatoren Duchamp" (1987), "Heidegger und die Juden" (1988), "Das Inhumane" (1989), "Die Mauer, der Golf und die Sonne" (1991), "Die Phänomenologie" (1993), "Die Analytik des Erhabenen - Kant-Lektionen" (1994), "Kindheitslektüren" (1995) und "Streitgespräche. Sprechen über Auschwitz" (1996). |