| Emmanuel Lévinas (1906-1995) |
| Wenn Lévinas die Ethik als eine "Erste Philosophie" versteht, fordert er eine
unendliche Verantwortung ein. Konkret geht es ihm dabei um eine Verantwortung des Menschen für den anderen
Menschen, die er als einen extremen Humanismus zu ergründen versucht. Ausschlaggebend ist nicht mehr das Ego,
welches die Welt in sich zentriert, sondern ein Selbst, das sich erst aus der Konfrontation mit dem ganz Anderen
als ein "Mich" konstituiert. Diese Beziehung (Andersheit) wird als absolut verstanden und zum Grund jeder Erfahrung
und Wahrheit.
Indem Lévinas mit seiner Kritik an der "Egologie" von einem nicht- intentionalen Bewusstsein ausgeht, das vor jedem Objekt- Verständnis liegt, sprengt er das Husserl'sche Nachdenken über die Intersubjektivität, bei der es kein Verständnis für eine darin zugrunde liegende Erfahrung gibt. Bei Lévinas kann sich erst in einem transzendierten Verhältnis zum "ganz Anderen" etwas Originäres herstellen, das vor den Anfängen der Sinne und damit vor- ontologisch auftaucht. Poetisch wird dieser Grund mit der "Nacktheit" oder "Epiphanie des Gesichtes" umschrieben, das dem Ich als etwas Unfassbares begegnet, d.h. sich im reinen Ausdruck, im "Antlitz" ohne die Vermittlung eines Bildes oder Zeichens zeigt. Deshalb wird auch eine symmetrische Relation vom Ich und Du wie bei Martin Buber verworfen. Die griechisch- abendländische Denk- Tradition, mit der die Identität nur als ein Differenz- Prinzip, aber nicht die Fremdartigkeit akzeptiert wird, lehnt Lévinas rigoros ab. Stattdessen beruft er sich, unter dem Einfluss von Franz Rosenzweig stehend, stärker auf ein jüdisches Denken, das parallel zum mystischen Christentum von einer Offenbarung (im Gegensatz zu einem formalisierbaren Verstehen) ausgeht. Dies ist aber nur nachzuvollziehen, wenn man von einer metaphysisch unendlichen Beziehung ausgeht und sich (wie im jüdischen Glauben, wo der Gläubige Gott nicht in vorgestellten Bildern begegnet) auf eine "Jenheit" einlässt, um eine nicht subsumierbare Fremdartigkeit gelten zu lassen. Lévinas untermauert die Unmöglichkeit einer solchen Annäherung mit seiner Erfahrung während des Faschismus. Den Anderen zu besitzen, wie man einen Gegenstand be-greift, ist für ihn unmöglich, da der fanatische Wille des Gewaltmenschen nur auf den Tod und damit den endgültigen Verlust dringen kann. Im Gegensatz dazu strebe die Liebe keine totale Symbiose an, sondern eine Sehnsucht (le désir) die immer grösser und tiefer ist, je mehr sie erfüllt wird. In seinen Vorlesungen "Die Zeit und der Andere" werden die Begegnungen mit der absoluten Andersheit oder Jenseitigkeit des anderen Menschen erstmals auch als Bewusstwerdung (Re-präsentation) der Gegenwart beschrieben. Während für Bergson Zeit nur subjektiv erfassbar ist, wird sie für Lévinas erfahrbar, wenn wir uns gedanklich in den anderen Menschen hineinversetzen. Das Verhältnis zur Zukunft stellt sich somit als das Verhältnis zum Anderen (wie durch die Andersheit des Todes) dar und wird von ihm (und nicht umgekehrt) bestimmt. Lévinas ist anfangs neben Husserl auch von Heidegger so fasziniert, dass er zu einem wichtigen Wegbereiter der beiden Denker in Frankreich wird. Doch alsbald löst er sich von diesen Vorbildern und stellt nach 1933 den Heideggerschen, für ihn zu statischen Seinsbegriff mit seiner Priorität über das Seiende wieder in Frage. Ihm geht es nach der Beschäftigung mit Sartres Existenzialismus nicht mehr um ein Dasein, dem das Für-den- Anderen als "Mitsein" oder "Fürsorge" untergeordnet bleibt. Damit lässt sich seine Philosophie auch als einen Weg, der vom Sein zum Seienden und vom Seienden zum Anderen führt, umschreiben. In seiner Habilitationsschrift "Totalité et infini" reflektiert er noch in phänomenologischen Analysen und ontologischen Begrifflichkeiten unterschiedliche Aspekte der Gefühle, der Erotik und der Liebe. In späteren Arbeiten versucht er, sein ethisches Anliegen unmittelbar in einer Sprachstruktur durch eine Aufspaltung von Substantiven und der Syntax zu formulieren. Damit kann er dem Poststrukturalismus ebenso wie dem Existenzialismus zugeordnet werden. Lévinas, der in Litauen und in der Ukraine aufwächst, beginnt sein Studium nicht wie gewollt in Deutschland, sondern wegen dem aufkommenden Antisemitismus in Strassburg. Als Gaststudent besucht er 1928 in Freiburg Vorlesungen bei Husserl, nachdem er sich bereits intensiv mit seinen Schriften beschäftigt hat. In dieser Zeit lernt er auch Heidegger kennen und gehört 1929 beim Treffen in Davos zu seinen Anhängern. Mit seiner Dissertation "Théorie de l'intuition dans la phénoménologie de Husserl - Theorie der Anschauung in Husserls Phänomenologie" und späteren Übersetzungen macht er die beiden Philosophen in Frankreich bekannt. Als Franzose gerät Lévinas 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft und verbringt fünf prägende Jahre in einem Lager in der Lüneburger Heide. Seine Eltern und alle seine Verwandten aus Litauen werden in dieser Zeit Opfer der Schoah. Vor diesem Hintergrund legt Lévinas den Schwur ab, nie wieder deutschen Boden zu betreten und hält diesen trotz späteren Bedauerns bis zu seinem Tode ein. Nach dem Krieg bildet er an der Alliance Israélite Universelle (AIU), deren Institut er in Paris-Auteuil leitet, jüdische Lehrerinnen und Lehrer aus. In dieser Zeit beschäftigt er sich intensiv mit Bibel- und Talmudstudien, in denen er als Schüler des legendären Talmudmeisters Schuschani von einer modernen Auffassung des Judentums ausgeht. Seine 1946/47 am im Quartier Latin gegründeten Collège Philosophique gehaltenen Vorträge "Le temps et l'Autre - Die Zeit und der Andere" waren auf wenig Resonanz gestossen. Erst als er 1961 seine Jean Wahl gewidmete Habilitation "Totalité et infini. Essai sur l'extériorité - Totalität und Unendlichkeit" veröffentlicht, wird er als eigenständiger Denker in Frankreich wahrgenommen. Seine akademische Karriere, der alsbald Berufungen nach Poitiers, Paris- Nanterre und Paris- Sorbonne folgen, beginnt Lévinas erst im Alter von 57 Jahren. 1974 legt er sein zweites Hauptwerk "Autrement qu'être ou au-delè de l'essence - Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht" vor, das allen Opfern der Schoah gewidmet ist. |