| Theodor Lessing (1872-1933) |
| Gegen jedes zeitlich- kausale Verstehen von historischen Zusammenhängen setzt Theodor
Lessing eine voluntaristische Auffassung von einer Unmittelbarkeit des Zufalls und des Chaos. In seinem erstmals 1916
erscheinenden (1927 umgearbeiteten) Hauptwerk "Die Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen" akzeptiert er eine
Geschichtswissenschaft nur noch als Mythendichtung oder Religionsersatz. Geschichte sei entweder eine "tröstende
Selbstausheilung" aus der "Menschennot" oder allgemein eine "Willenschaft", da sie immer durch Interessen, Illusionen
und Ideale geleitet werde. Jeder Versuch, wie in der Naturwissenschaft von objektiven Verknüpfungen auszugehen,
kann sich für ihn nicht mit dem lebendigen Geschehen, sondern einzig (etwa als Traumdeutung) mit den Artefakten
des Bewusstseins befassen.
Zu dieser radikalen Auffassung gelangt Lessing unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges. Seinen ursprünglichen Plan, eine fundierte Erkenntnistheorie zu verfassen, gibt er in dieser Zeit auf und stellt (wie Spengler unter dem Einfluss von Schopenhauer stehend) die Frage nach der Wirklichkeit und Verstehbarkeit von gesellschaftlichen Entwicklungen grundsätzlich in Frage. Dies hat auch zur Folge, dass er dem Fortschrittsdenken bei Hegel, Herder, Comte und selbst bei Marx eine klare Absage erteilt. Denn Ansätze, die primär von linearen Kausalbezügen ausgehen, könnten nur einen zeitlichen, aber keinen lebendigen Prozess erfassen. Wenn Lessing aber einerseits den Gedanken von einer gesellschaftlichen Entwicklung als eine Täuschung denunziert und anderseits selbst Werte und Ideale einklagt, verwickelt er sich zunehmend in Widersprüche. In Anlehnung an Nietzsche ist sein zivilisationskritisches Denken von dem Gegensatz zwischen Geist und Leben --analog zu dem Widerspruch Geist -Seele bei dem Jugendfreund Ludwig Klages-- geprägt. Einen Ausweg sieht Lessing, der sich selbst mehr als Geistesmensch versteht, einzig in einem Aktivismus, also in einer Philosophie, die sich als praktische Wissenschaft versteht und zur Tat bekennt. Mit diesem Anspruch bleibt er ein Querdenker, der die bürgerliche Gesellschaft mit seiner Kritik an sozialen und politischen Miss-Ständen (wie die der kolonialen Unterdrückung) herausfordert. Theodor Lessing, der als Sohn eines jüdischen Arztes aufwächst, studiert zunächst Medizin und arbeitet nach seiner Promotion als Hilfslehrer und Vortragsredner. Durch eine Empfehlung von Husserl bekommt er 1908 eine Stelle als Privatdozent an der TH Hannover und 1922 eine ausserordentliche Professur. Als einer der wenigen deutschen Intellektuellen protestiert er 1914 gegen den Krieg und kann mit List dem Dienst im Schützengraben entkommen. In dieser Zeit erscheint sein Buch "Philosophie als Tat". Neben seinen philosophischen Arbeiten hat er sein Leben lang auch publizistisch --wie in seinen polemischen Artikeln über den Massenmörder Haarmann-- gearbeitet und Gedichte sowie Romane veröffentlicht. Aufsehen erregt ein von ihm gegründeter "Anti-Lärm- Verein". Nachdem er 1925 in einer Prager Zeitung vor der Wahl des Generalfeldmarschalls Hindenburg für das Amt des Reichspräsidenten warnt ("hinter jedem Zero steht immer ein künftiger Nero"), erzwingt eine überwiegend nationalistisch eingestellte Studentenschaft in Hannover seine Beurlaubung und spätere Emigration nach Prag. Im August 1933 wird er 61jährig in Marienbad von Nationalsozialisten erschossen. |