| Lenin -Wladimir Iljitsch Uljanow (1870-1924) |
| Mit dem Kriterium der Praxis hat Lenin seine theoretischen Grundsätze immer aus konkreten
(macht)- politischen Auseinandersetzungen heraus entwickelt. Dies trifft auch für sein 1908 veröffentlichtes
philosophisches Hauptwerk "Materialismus und Empiriokritizismus" zu, in dem er alle Erscheinungen des Bewusstseins auf
die Grundlage und Voraussetzung der Materie stellt. Als eine kritische Antwort auf die Theorien von Avenarius und
Ernst Mach (die mit unterschiedlichen Ansätzen bewusstseinsunabhängige Erscheinungen in der Aussen- bzw.
Mikrowelt ablehnen), versucht Lenin einen innerparteilichen Richtungsstreit mit dem antilegalistischen Politiker
Bogdanow auszufechten. Dabei soll der Gegensatz von Materialismus und Idealismus als ewig bewiesen und der Gedanke der
Identität von Geist und Materie --wie im Machschen Empiriokritizismus behauptet-- widerlegt werden (und dies, obwohl
die klassischen Begriffe von Materie bzw. Masse, Raum, Zeit und Kausalität in der Physik nach Planck mit der
Quanten- und Einsteins Relativitäts- Theorie ihre absolute Geltung zu verlieren beginnen).
Ausgehend von Engels dialektischem Naturverständnis entwickelt Lenin, seine Widerspiegelungs- Theorie, mit der er die praktische Aneignung der Aussenwelt durch das Bewusstsein zu belegen versucht. Alle psychischen Erscheinungen haben für ihn ihre Grundlage und Voraussetzung in der materiellen Welt. Indem er das Ding-an-sich von Kant einfach liquidiert, ist so das Unerkannte in der Aussenwelt lediglich das noch nicht Erkannte. Deshalb könne eine Wissenschaft nur objektiv sein, wenn sie allein materielle Beziehungen zu ihrem Gegenstand habe. Mit dieser Auffassung kann er sich aber weder in den Naturwissenschaften noch in der politischen Ökonomie richtig durchsetzen. Selbst Marx geht im "Kapital" ja von einem sinnlichen und übersinnlichen Werte- Verständnis aus, während Lenin alle gesellschaftlichen Beziehungen von rein materiellen Verhältnissen ableiten will. Da das Bewusstsein mit dieser Sicht ein passiver Abdruck der Aussenwelt bleibt, wird die Arbeit zu einer vermittelnden Kategorie. D.h. einer dialektischen Kategorie, die es ermöglichen muss, das Verhältnis von Bewusstsein und Materie als einen Prozess zu denken, in dem die Veränderung der Natur gleichzeitig den Menschen selbst verändert. Als politisch denkender Mensch erweist sich Lenin als unorthodox und sehr flexibel, so wenn er bspw. über die Lage in Russland (wie 1920 in "Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus") reflektiert. Während er am Anfang des ersten Weltkrieges mit seiner Imperialismus- Theorie noch von einer Konzentration der wirtschaftlichen Macht ausgeht, die das "blinde Wüten des Wertgesetzes" partiell aufhebt und somit den Weg in den Sozialismus durch einen blossen politischen Vorzeichenwechsel möglich macht, setzt er sich bald differenzierter mit der Frage der Machtergreifung auseinander. So in der kommentierten Zitatensammlung "Staat und Revolution" --1917 in der Illegalität verfasst--, in der die Aufgaben des Proletariats in der Revolution beleuchtet werden. Wie Kautsky vermisst Lenin auch beim Proletariat die Fähigkeit zur Einsicht in die eigene Klassenlage. Deshalb wird er zum Fürsprecher einer Kaderpartei von Berufsrevolutionären, die als Avantgarde des Proletariats die Massen zur Revolution führen soll. Erst auf diese Weise kann sich für ihn das politische Klassenbewusstsein der Arbeiterklasse, die von sich aus über spontane Erhebungen und gewerkschaftliche Forderungen nicht hinauskommt, vermittelt werden. Während seiner Zeit als Jura- Student in Kasan beschäftigt sich Lenin in einem sozialistischen Zirkel erstmals intensiv mit den Schriften von Marx und Plechanow. Den Gedanken der Volkstümler (Narodniki) steht er zunehmend kritisch gegenüber, als sein Bruder Alexander wegen eines geplanten Attentats auf den Zaren 1887 gehängt wird. Dennoch besucht er nach seinem Studium in der Kleinstadt Samara Veteranen des terroristischen Untergrunds, um sich nicht zuletzt auch Wissen über deren politische Arbeit anzueignen. In St. Petersburg nimmt er 1893 Kontakt zu den Sozialdemokraten auf und gründet zwei Jahre später mit Julij Martow, dem späteren Menschewiki- Führer, den "Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse", aus dem bald die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands (SDAPR) hervorgeht. Wegen politischer Agitation verbringt er zwei Jahre im Gefängnis und drei Jahre in sibirischer Verbannung. In der anschliessenden Emigration wird er Mitbegründer der Zeitung "Iskra- Funke" und legt hier erstmals unter dem Decknamen Lenin sein Konzept von einer revolutionären Kaderpartei vor, das er 1903 auf dem 2. Parteikongress der SDAPR in London auch durchsetzen kann. Damit kommt es zur Spaltung zwischen den Bolschewiki und den Menschewiki, die als die eigentliche Mehrheit eine breite Massenbasis anstreben. Während der revolutionären Streik- und Protestbewegung 1913 kehrt Lenin für kurze Zeit nach Russland zurück. Ab 1914 lebt er in der Schweiz und veröffentlicht hier u.a. seine Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus", nachdem er innerhalb der linken Sozialisten seine Vorstellung von einer Umwandlung des Krieges in einen Bürgerkrieg nicht durchsetzen konnte. Unterstützt von der deutschen Regierung reist Lenin nach Ausbruch der Februarrevolution 1917 nach St. Petersburg und propagiert den Kampf gegen die Übergangsregierung. Nach dem Scheitern des von den Bolschewiken mitgetragenen Juliaufstands, flieht er nach Finnland und kann, nachdem der von Trotzki organisierte Putsch im Oktober Erfolg hat, die Räterepublik ausrufen. Trotz innerparteilicher Widerstände schliesst er mit dem Deutschen Reich den Friedensvertrag von Brest- Litowsk. Im russischen Bürgerkrieg (1918-1920) setzt Lenin konsequent den neugegründeten Geheimdienst Tscheka zur Unterdrückung gegenrevolutionärer und separatistischer Kräfte ein. Nach zwei Schlaganfällen kann er kaum noch die Regierungsgeschäfte abwickeln. In dieser Zeit warnt er die Partei vor dem Machtehrgeiz Stalins - aber vergeblich. |