Ernesto Laclau (1935)
Mit einem diskursanalytischen Ansatz versucht Ernesto Laclau innerhalb der postmarxistischen Theorie, zeitgemässe emanzipatorische Ansprüche nicht mehr über die Vorstellung von einem einheitlichen sozialen Bewusstsein und dem Primat der materiellen Lebensverhältnisse zu bestimmen. Weil für ihn eine Gesellschaft nicht als eine homogene Totalität begreifbar ist, wird sie in Anlehnung an Lacan zu einem unmöglichen Objekt, und damit zu einer negativen und leeren Universalität. Dies führt (wie in dem zusammen mit Chantal Mouffe 1985 veröffentlichten Buch "Hegemony & Socialist Strategy- Hegemonie und radikale Demokratie" dargestellt) nicht zu einem völligen Auflösungsprozess von politischen und sozialen Determinanten, sondern zu deren laufenden Differenzierung und Reartikulation in Diskursen. Wenn sich der Grund einer Gesellschaft nur negativ in den Effekten einer Dislocation zeige, werden wirklichkeitskonstituierende Diskurse durch permanenten Bedeutungs- Verschiebungen über leere und gleitende Signifikanten bestimmt --wie bspw. bei dem Begriff der Demokratie, der für ganz unterschiedliche und sogar gegensätzliche politische Artikulationen stehen kann. So wird Sinn nicht durch die Repräsentation auf ein Aussen, sondern als ein kreatives und produktives Element erst hervorgebracht.
  Mit diesem Blickwinkel kommt wie schon bei Gramsci der Ideologie eine konstitutive Funktion für die Herstellung von Identität zu. Sie ist zugleich das Produkt und der Prozess einer stets offenen Repräsentation, in der das imaginäre Subjekt und die Realität symbolisch ineinander verwoben sind. Die Ideologie stellt sich für Laclau somit nicht erst --wie Althusser meint-- durch die Entfremdung her, sondern besteht bereits, wenn ein partikularer Inhalt überdeterminiert wird.
  Indem Laclau seine Überlegungen immer in Bezug auf eine politische Praxis entwickelt, setzt er sich von Derrida ab, für den Demokratie nur über die Unbegründbarkeit jeder politischen Ordnung begründet werden kann. Er geht auch über Rortys Pragmatismus hinaus, da er seine Hegemonietheorie schon als eine politische Praxis versteht.
  Laclau ist emeritierter Professor für Politikwissenschaften am Institut für Theoretische Studien in den Geistes- und Sozialwissenschaften, University of Essex, wo er auch als Direktor des Doktoratsprogramms für Ideologie und Diskursanalyse wirkt. Der in Argentinien geborene und seit dem Ende der 1960er Jahre in Grossbritannien lebende Wissenschaftler studiert in Buenos Aires und Oxford Geschicht. Er hat an zahlreichen Universitäten in Südamerika, Europa, Australien, Nordamerika und Südafrika unterrichtet. Zu seinen wichtigsten Werken zählen "New Reflections on the Revolution of our Time" (1990) sowie "Contingency, Hegemony, Universality. Contemporary Dialogues on the Left" (2000).