Jacques-Marie Emilie Lacan (1901-1981)
Mit seiner linguistischen Interpretation transformiert und radikalisiert Lacan die Theorien von Freud. Indem er sich primär an kulturellen und anthropologischen Abhängigkeiten orientiert, die nicht mehr als Triebe, sondern als Strukturen verstanden werden, kann er die biologische Determination der Psyche gänzlich aufgeben. Das Unbewusste wird in Anlehnung an Saussures Zeichentheorie und Lévi-Strauss Anthropologie zu einer überpersonalen und zeitlosen Struktur, welche die Innerlichkeit der Leidenschaft und das Aussen der Gesellschaft wechselseitig verbindet. Stärker als Derrida greift Lacan auf die Sprache als Material zurück, vorallem wenn er aus den Theorien von Jakobson die Begriffe Metapher und Metonymie für die Psychoanalyse anstelle von Verdichtung und Verschiebung verwendet. Das Subjekt wird bei ihm als ein Unbewusstes mit der Struktur der Sprache in Form einer Signifikantenkette bestimmt, so dass nicht mehr wie bei Mead allein von einer interpersonalen Kommunikation auszugehen ist.
  Als ein Selbst erfährt sich der Mensch für Lacan erstmals in der Situation des Spiegelstadiums, wo er sich (etwa zwischen dem 9. und 18. Lebensmonat) entfremdet als das "andere" erlebt. In diesem Zustand wird das Ich zum Objekt des Begehrens, als immer schon verloren gegangenes "object a" imaginiert und sofort mit grosser Freude, aber auch als Rivale mit Aggression wahrgenommen. Unter dem Einfluss der hermeneutischen Phänomenologie Heideggers versucht in den 1930er Jahren Lacan, mit dieser Perspektive die klassische Psychoanalyse zu rekonstruieren. Neurotische oder psychotische Persönlichkeits- Konstellationen werden zu spezifischen Weisen, mit dem Mangel und dem Begehren umzugehen. Als Strukturalist kann Lacan später Freuds Ödipuskomplex linguistisch interpretieren, da für ihn zwischen dem Subjekt und dem imaginierten Ich eine dritte vermittelnde Instanz, der "grosse Andere" als das Gesetz des Symbolischen, hinzukommt und Regeln einführt. Über diese Dreiecksbeziehung versuche der Mensch, wie auch Melanie Klein erklärt, mittels der Sprach- kompetenz eine erträgliche Beziehung herzustellen.
  Doch bleibt bei Lacan das Subjekt unabdingbar gespalten und kann sich darüber hinaus nicht --wie von Deleuze und Guattari gefordert--, in Felder und Ströme von Intensitäten auflösen. Dies belegt unmissverständlich sein Begriff des "Phallus", der mit zwei Bedeutungen definiert wird. Einerseits soll er bei beiden Geschlechtern den Mangel (den freudschen Penisneid und die Kastrationsangst) charakterisieren und andererseits all jene phantasmatischen Objekte emblematisch bezeichnen, die es dem Subjekt ermöglichen, jeden Mangel zu verleugnen, um sich selbst vollständig zu imaginieren. In diesem Rahmen bleibt das Begehren als eine Ökonomie von Besitz und Mangel, oder --wie bei Kojèves schon formuliert-- als ein Verhältnis von Anwesenheit und Abwesenheit bestehen. Der Phallus (synonym auch der "Name des Vaters") wird zu einem bewegenden Beweger aller Signifikations- Vorgänge und zu der entscheidenden Schnittstelle zwischen Körper und Geist, zwischen Sein und Haben oder zum hegelschen Herr- und Knecht- Verhältnis.
  Besonders in Lacans Spätwerk wird deutlich, dass sich der Mensch als ein komplexes Sprachwesen insgesamt über die Topoi des Imaginären, des Symbolischen und des Realen konstituiert. Diese Ebenen werden graphisch in einem sogenannten Borromäischen Knoten mit drei nicht voneinander zu lösenden Ringen dargestellt und über abstrakte, vom menschlichen Dasein abgezogene Operationen aufeinander bezogen. Innerhalb dieser Beziehungen ist das durch das Mathem $ gekennzeichnete Subjekt begrifflich nicht fassbar, es muss als das Leere im Netz der Signifikanten vorausgesetzt oder wie bei Althusser angerufen werden. Die symbolische Ordnung, die Welt der Signifikanten (des im Sohn fleischgewordenen Vaters) steht dabei für die menschliche Wirklichkeit, über die mit der Imagination, d.h. dem Signifikat (dem menschlichen Glauben) eine Verbindung zum Realen (dem Gottvater) geschaffen wird. Das Reale darf aber nicht mit der Realität verwechselt werden, sondern bildet den für das Subjekt nötigen unzugänglichen Grund seiner Ex-sistenz und wird selbst zu einer Unmöglichkeit. Es liegt jenseits der Bedeutung, da es sich der Symbolosierung widersetzt. Mit dem Begriff der jouisssance, der als ein Übermass an Reizen verstanden wird, verlässt Lacan in den 1960er Jahren den strukturalistischen Rahmen, in dem die Sprache für die Bildung des Unbewussten steht. Fixiert wird dabei die unüberwindbare Grenze des menschlichen Fassungsvermögens. Die jouisssance kann somit auch als ein (innerhalb der symbolisch strukturierten Realit&aum;t) verlorenes Objekt verstanden werden.
  Lacan studiert in seiner Heimatstadt Paris zunächst Medizin, um danach in die psychiatrische Praxis zu wechseln. Die Lehranalyse absolvierte er bei Rudolf Loewenstein, einem Pionier der Ich- Psychologie, um 1932 über einen Fall von Paranoia an der medizinischen Fakultät in Paris zu promovieren. Bereits vier Jahre später verschafft er sich mit seinem Vortrag "Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion" auf einem Kongress in Marienbad einen spektakulären Start in der Gemeinschaft der internationalen Psychoanalyse. Während der deutschen Besetzung Frankreichs betreibt er eine private Therapie- Praxis in Paris und bildet auch Analytiker aus. 1953 tritt er mit einigen befreundeten Mitgliedern aus der "Sociéte Psychanalytique de Paris" aus und wechselt in die von Lagache neubegründeten "Sociéte Francaise de Psychoanalyse" (S.F.P.). Im gleichen Jahr übernimmt er eine Professur an der Klinik Sainte-Anne in Paris. 1958 hält er am Münchner Max-Planck-Institut seinen Vortrag über "Die Bedeutung des Phallus". Auf einem Kongress in Edinburgh wird er 1961 aus der International Psychoanalytik Association (I.PA.) ausgeschlossen und zwei Jahre danach sogar von der Liste der Lehranalytiker gestrichen, so dass sein Seminar in der Klinik Saint-Anne aufgegeben werden muss. Als er aber 1964 von der "Ecole Pratique des Haute Etudes" wieder einen Lehrauftrag erhält, werden die Seminare in der "Ecole Normale Supérieure " fortgesetzt. Im gleichen Jahr gründet Lacan mit der "Ecole Francaise de Psychanalyse", später umbenannt in "Ecole Freudienne de Paris" (E.F.P.), seine eigene Schule, die sich bis zur Auflösung 1980 unabhängig von der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung mit analytischen Experimenten behaupten kann. Lacans linguistische Methodik innerhalb der Psychoanalyse wird alsbald zu einem Referenzpunkt für die Kulturwissenschaft, Philosophie und auch --wie bei Zizek-- zu einem Theorie- Ansatz für eine Gesellschaftskritik.