Julien Offray de La Mettrie (1709-1751)
Als radikaler Materialist und Atheist versucht La Mettrie, das Denken aus rein körperlichen Funktionen abzuleiten. Der Mensch wird, wie schon der Titel seines bekanntesten Buches "L'homme machine" suggeriert, als ein reiner, antiteleologischer Mechanismus mit ausschliesslich physiologischen Funktionen beschrieben. Nicht mehr die Seele oder der Geist steuerten den Körper, sondern das Geistige habe rein anatomische Ursachen und ist direkt auf Kraftäusserungen der Materie zurückzuführen. Damit überträgt La Mettrie die Auffassung von Descartes, dass Tiere wie Maschinen funktionieren, unmittelbar auf den Menschen, der sich nunmehr vom Tier lediglich durch eine komplexere körperliche Verfassung unterscheidet. Belege für eine solche Reduktion, mit der ganz nebenbei auch der Dualismus von Leib und Seele aufgelöst wird, liefert La Mettrie als Arzt, indem er geistige Störungen sowie Charakterschwächen als rein körperliche Ursachen erklärt.
  Als begeisterter Empirist ist er wie d' Holbach von der Schädlichkeit der Religion überzeugt, da diese sich gegen die Gesundheit,d.h. gegen das Lebensprinzip des Glücklichseins richte und oft erst das Laster hervorbringe. Seine Ansichten dazu und darüber hinaus zur Moral hat er in seinem "Discours sur le bonheur" so unmissverständlich dargelegt, dass er bald zu einer Unperson auch für die Aufklärer wird. Denn anders als Voltaire und Diderot misst er den Atheismus mit dem gesunden Menschenverstand und erklärt auch dem Glauben an die Macht des Wissens eine klare Absage. D.h. die religiöse Borniertheit der "unaufgeklärten" Menschen wird auf eine gleiche Stufe mit den quasi- religiösen der "aufgeklärten" gestellt. Für ihn gibt es keine Rechtfertigung für eine religiöse oder vernunftgeleitete Instanz, mit der sich moralisches Verhalten steuern und Verbrechen bestrafen lassen.
  Da La Mettrie darauf verzichtet, seine Thesen in einer philosophischen Ordnung oder einem System darzustellen, kann er sich gedankliche Ungereimtheiten --so zu dem Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit-- leisten und sich damit begnügen, Begriffe wie Montaigne zu relativieren und in ein Fliessen zu bringen. Ein Ideal bietet für ihn, der gern provoziert und die Gelehrtenwelt irritiert, einzig ein sinnlich- hedonistischer Lebens -Stil, während dem rationalen Charakter der Vernunft nur ein blosser schöner Schein zukommt. In seiner 1751 unter dem Titel "L'art de jouir - Die Kunst des Geniessens" erscheinenden Schrift macht er aber die Einschränkung, dass das öffentliche Interesse dem privatem voranzugehen habe, also das eigene Lustempfinden nicht wie später bei de Sade anarchistisch ausgelebt werden soll.
  La Mettrie absolviert verschiedene jansenistische Schulen, bevor er in Paris zunächst Philosophie und Naturwissenschaften, später Medizin studiert. Mit dem Doktor der Medizin geht er nach Holland, um sich hier weiterzubilden. Er übersetzt Arbeiten ins Französische und publiziert erste eigene medizinische Abhandlungen. 1735 kehrt er in seine Heimatstadt Saint Malo zurück, praktiziert als Arzt und heiratet. Nach sieben Jahren verlässt er seine Familie und wird in Paris Leibarzt sowie Sanitätsoffizier. Er verliert seine Anstellung, als sein unter Pseudonym erschienenes philosophisches Erstlingswerk "Histoire naturelle de l'âme" wegen Ketzertum öffentlich verbrannt wird. Nachdem er in einem weiteren Buch die unwissenschaftliche Arbeit der eigenen Zunft kritisiert, muss er nach Holland fliehen. Sein hier rasch zusammengeschriebenes Buch "L'homme machine" bringt ihn jedoch erneut in eine Bedrängnis, aus der ihn erst eine Einladung Friedrichs II. rettet. In den letzten vier Lebensjahren verfasst er auf "Sans Souci" weitere medizinische Artikel, mehrere satirische Pamphlete und seine wichtigsten philosophischen Schriften (darunter die als Einleitung zu einer Übersetzung von Senecas "De beata vita" getarnte Schrift "Discours sur le bonheur"). Der aufgeklärte Fürst lässt dieses Buch, das auch bei den Aufklärern Voltaire, d'Alembert und Diderot Aversionen auslöst, sofort verbieten. Dennoch kann die Schrift als Separatdruck erscheinen. Kurz danach stirbt La Mettrie trotz guter Gesundheit aus nicht geklärter Ursache an einer Fasanenpastete im Alter von knapp 42 Jahren.