| Julia Kristeva (1941) |
| Die Instanz des Subjektes wird bei Julia Kristeva als ein Prozess verstanden und nicht wie bei
Foucault und
Derrida gänzlich in Frage gestellt. Doch geht sie weder von
einem transzendenten noch
cartesianischen Ich aus, sondern von einem gespaltenen, das sich aus
körperlichen (Trieb-) Bedürfnissen entwickelt und sich erst im Akt des Sprechens konstituiert. Damit folgt
sie ganz der symbolischen Sinnordnung von
Lacan, in der das Individuum sich gegen die semiotischen Ströme der
Triebe zum Subjekt setzt.
Für Julia Kristeva transformiert sich jede strukturelle Ordnung unaufhörlich, da der Sinn etwas Flüchtiges bleibt und sich stets neu herstellen muss. Dies geschieht mit einer postulierten Heterogenität, durch die eine Sinngebung mit dem Unterschied von semiotischen und symbolischen Funktionen erklärt wird. Konkret sieht sie im Semiotischen den Ort des Anderen, die Spur des Unbewussten, das störend in das Symbolische eingreift und Ordnungen überschreiten kann. Andererseits beschränkt das Symbolische wieder den semiotischen Fluss, so dass von einer subversiven Durchkreuzung auszugehen ist. In der Sprache liegt für Julia Kristeva eine der wichtigen Strukturen vor, durch die sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, wie auch die der zweigeschlechtlichen Realität, reproduzieren. Vor diesem Hintergrund formuliert sie eine revolutionäre Textpraxis, die Bedeutungen ins Fliessen bringen soll, ohne sie erneut festzusetzen. Dies anfangs mit dem Ziel, für den Marxismus nach Lenin und Mao handlungspraktische Möglichkeiten zu erschliessen und um symbolische Ordnungen auf ihre ideologische Funktion und Veränderbarkeit hin zu befragen. Wie bereits bei Lévi-Strauss und Lacan verkörpert für sie die Gesellschaft ein Symbolsystem, das mit seinen Strukturen alle Lebensbereiche durchzieht. Was in der Konsequenz bedeutet, dass die Welt nur zugänglich wird, wenn man sie symbolisieren kann. Mit dem Begriff der Intertextualität (später "Transposition") will Kristeva in Rückgriff auf den russischen Literaturtheoretiker und Philosophen Bachtin ihre gesellschafts- politisch kritische Position begründen. Während bei ihm jedoch ein dialogisches Prinzip behauptet wird, generiert sich bei ihr jeder Text zu einem völlig offenen, polyvalenten und potentiell nicht abschliessbaren Universum von verschiedenen Codes. D.h. ein Autor liefert nur einen "Vortext", der sich erst mit dem Bezug auf andere Texte und dem Leser als produktiv erweist. Die Sinnproduktion wird wie bei der Psychoanalyse von einer Tiefenebene, dem abwesenden "Genotext" eines Werkes, auf die Textoberfläche, dem sich darstellenden "Phänotext" verlegt. Dieser stellt in seiner Offenheit durch die Begrenzung der eigenen Grammatik seine Bedeutung immer wieder selbst infrage. Exemplarisch zeigt sie dies mit Interpretation bei Mallarmé, Lautréamont und Joyce. Wenn sie jedoch darüber hinaus eine solche Referenzlosigkeit verallgemeinert, nimmt sie allzu leicht in Kauf, dass Autoren- Intentionen verloren gehen und der Rezipient mit unterschiedlichsten Wissenssystemen allzu beliebig umgehen kann. Da Julia Kristeva mit ihrem Ansatz die herkömmliche Linguistik als ein homogenes, monolithische Sprachsystem verwirft, behauptet sie wie Barthes, Derrida und auch Irigaray eine dynamische Auffassung gegen einen allzu statischen Strukturalismus. Ihr Interesse richtet sich damit nicht mehr auf Resultate, sondern auf das Verfahren der Signifikations- Prozesse selbst. Damit kann sie sichtbar machen, dass sich symbolische Ordnungssysteme in erster Linie über Ausgrenzungen herstellen und Momente der Verdrängung in sich tragen. Nachdem Julia Kristeva ihr Konzept von der Intertextualität für eine Ideologie- und Kulturkritik ausgebaut hat, beginnt sie sich in den 80er Jahren wieder mehr mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. Als Romanistikstudentin reist Julia Kristeva 1965 mit einem Stipendium von Sofia nach Paris. Bald gehört sie zum Autoren- Kreis der Zeitschrift "Tel Quel", wo sie ihren Lehrer Roland Barthes und Philippe Soller, ihren zukünftigen Lebenspartner, kennenlernt. 1974 erscheint nach der Studie "Séméiotiké: Recherches pour une sémalyse" ihr Hauptwerk "La révolution du langage poétique - Die Revolution der poetischen Sprache", mit dem sie promoviert und sich gleichzeitig habilitieren kann. Noch im gleichen Jahr erhält sie eine Professur im Bereich Linguistik an der Universität Paris. Fünf Jahre danach beginnt sie eine zweite Karriere als Psychoanalytikerin in der Tradition der Lacan -Schule. Seit Mitte der 80er Jahre hält sie Vorlesungen am Lehrstuhl für literarische Semiotik an der Columbia University New York und publiziert in der Reihe "Das weibliche Genie" Biographien ( u.a. über Hanna Arendt und Melanie Klein. In ihrem ersten Roman "Die Samurai" beschreibt sie autobiographisch ihren Weg als avantgardistische Denkerin. |