Pierre Klossowski (1905-2001)
In immer wieder neuen literarischen und philosophischen Ansätzen umkreist Klossowski die Problematik der Ich- Identität. Eine moderne Subjektzuschreibung, die den Menschen auf Kategorien des Humanismus oder der Religion einengt, wird abgelehnt. Damit sympathisiert er wie Foucault und Deleuze mit dem Gedanken der Destruktion des Subjektes, zeigt aber auch, wie dies zu einer völligen Selbst- Auflösung führen kann.
 Bereits bei Nietzsche und Sade sieht Klossowski Anzeichen für die dunklen Mächte einer Zivilisation, die mit ihrer industriellen Ökonomie die Integrität des Menschen in eine Monstrosität versetzt. Eine Möglichkeit den Teufelskreis (cercle vitieux) von Macht und Gesellschaft zu durchbrechen, bietet sich für ihn erst mit einem Subjekt, das sich potenziert und in einer unendlichen Modifikation ständig das Andere aufnimmt. Konkret geht es dabei um das Kreieren einer inneren Vervielfältigung und Verwandlung, um ein Oszillieren und Multiplizieren der eigenen Person. Letztendlich kann für Klossowski auf diesem Wege wie bei dem Utopisten Charles Fourier mit einer Harmonie der Leidenschaften das Streben nach Lust zum gesellschaftlichen Agens werden. In einem System der reinen Triebbefriedigung wie es beim Marquis de Sade angelegt ist, sieht er hingegen eine Universalität der Prostituierung und infolgedessen ein Chaos von Quälungen und Tötungen.
  Ähnlich wie Bataille steht bei Klossowski die sexuelle Extase für eine intensivere Identitätserfahrung. Der Sexualtrieb wird jedoch bei ihm stark unter dem Aspekt des Ökonomischen als ein Verhältnis von einem eigenen und fremden Begehren, von Leistung und Gegenleistung oder nur von Angebot und Nachfrage als unabdingbare Realität des Daseins verstanden.
  Klossowski wächst als Sohn eines Kunsthistorikers und einer Malerin in Paris auf. Wegen ihrer deutschen Staatsangehörigkeit muss die Familie nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ohne Vermögen Frankreich verlassen. Erst 1924 wohnen sie wieder in Paris, wo Pierre Klossowski als Sekretär bei André Gide und später bei dem Psychoanalytiker René Laforgue arbeitet. In dieser Zeit promoviert er an der "Ecole Pratique des Hautes Études" mit einer nicht erhaltenen Arbeit über die deutsche Jugendbewegung. Bevor er sich als Schriftsteller etablieren kann, ist er als Übersetzer tätig. Bis in die 70er Jahre überträgt er ins Französische Texte u.a. von Hölderlin, Kafka, Benjamin, Hegel, Nietzsche und Heidegger sowie zahlreiche lateinische Klassiker. 1933 veröffentlicht er in der Revue de psychoanlyse eine Studie zu Sade, die zum Eklat führt. Während des Zweiten Weltkrieges zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück und wird Novize bei den Dominikanern, um sich intensiv mit theologischen Texten zu beschäftigen. In den 50er und 60er Jahren schreibt er seine Romane: "La Vocation suspendu" (1950), "Robert, ce coir" (1953), "La Bain de Diane" (1956), "Le Souffleur ou le Théatre de Société"; (1960) und die Triologie "Les Lois de l'Hospitalité - Die Gesetze der Gastfreundschaft" (1965), in denen er Möglichkeiten der Verwandlung und Vervielfältigung von Identitäten durchspielt. 1969 veröffentlicht er sein Nietzsche- Buch "Nietzsche et le cercle vitieux " und "Die lebende Münze". In seinen letzten Lebensjahren widmet er sich verstärkt der bildenden Kunst und kommt dabei in seinen Zeichnungen zu einem ähnlichen Stil wie sein Bruder, der Maler Balthus Klossowski.