Melanie Klein (1882-1960)
Die Herausbildung einer eigenen Ich- Identität wird von der Psychoanalytikerin Melanie Klein an eine irreale Angstbewältigung gekoppelt. Sie geht davon aus, dass den Menschen nach seiner Geburt Verlust- und Verfolgungsphantasien plagen, die den Organismus mit einer eigenen Auflösung bedrohen. Der Säugling könne seine oralen Begierden nur ausleben, wenn er sich mit den Objekten seiner Umgebung identifiziere, sie als eigene Organe erlebe. Solche Identifizierungen sind für Melanie Klein jedoch sehr problematisch, da mit dem Begehren die Angst vor Verlust nur mit bedrohlichen, selbstzerstörerischen Zerstücklungsphantasien abzuwehren ist. D.h. die Mutter (vorallem die Brust) wird in Gut und Böse gespalten, um all das, was als angenehm und dann wieder frustrierend erlebt wird, miteinander in Einklang zu bringen.
  Diese schizoide Position lässt sich für Melanie Klein einzig durch Symbolisierungen bewältigen. Indem triebhafte Angriffe nur noch in der Phantasie durchgespielt werden, kann sich über etwas Drittes (das Repräsentierende) eine erträgliche Beziehung zur realen Umwelt und zum destruktiven Ich herstellen. Die Angst an sich wird zu einer Grundbedingung für das Sublimieren und damit auch zu einer Voraussetzung für das spätere Sprechen, das neben der einfachen Nachahmung über die Symbol- Bildung zum Kind kommt (Der Mensch wird also wie schon bei Adler und Gehlen als ein Mängelwesen definiert, und seine Unvollkommenheit als Triebfeder interpretiert).
  Melanie Klein, die im Gegensatz zu Anna Freud bereits Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren analysiert, modifiziert mit ihrem Ansatz den Freudschen Ödipus- Komplex. Wenn sie von prägenitalen Phantasien ausgeht und die Bildung von Schuldgefühlen früher ansetzt, verändert sie zwar nicht grundlegend die Konstellation des Über- Ich. Da sie aber spielerische Situationen in die Analyse einführt und somit die Methodik der Wortassoziationen aufbricht, ist ihr Konzept radikaler. Für sie kann sich in der reinen Phantasietätigkeit bereits das Unbewusste offenbaren, da es selbst wie eine imaginäre Phantasie strukturiert ist, während Lacan wieder nur von sprachlichen Strukturen ausgeht.
  Melanie Klein, die aus einer jüdischen Familie in Wien stammt, studiert nicht wie ursprünglich geplant Medizin, sondern ohne Abschluss Geschichte und Kunstgeschichte. Nach einem Arbeitsplatzwechsel ihres Mannes kommt sie in Budapest zum ersten Mal mit der Psychoanalyse in Berührung und lernt Sandor Ferenczi kennen, der sie ermutigt, auf dem Gebiet der Kindertherapie zu arbeiten. Auf Einladung von Karl Abraham geht sie 1921 nach Berlin und arbeitet als erste Kinderanalytikerin am neugegründeten Berliner Psychoanalytischen Institut. 1926 zieht sie nach London, wo ihre Ansichten innerhalb der "British Psychoanalytical Society" nach heftigen Kontroversen immer mehr Anhänger finden. Obwohl sie sich selbst als eine getreue Freud- Anhängerin versteht, wird sie jedoch lange Zeit noch als Häretikerin angesehen.