| Ludwig Klages (1872-1956) |
| Gegen das zweckrationale Denken in der Wissenschaft, Technik und Psychologie setzt Klages
als pathetischer Vertreter der Lebensphilosophie seinen Anspruch von einer ausserraumzeitlichen Harmonievorstellung.
Dafür gibt er die seit
Descartes gängige Gegenüberstellung von Geist und Materie
auf und greift auf die im Altertum übliche Dreiteilung von Geist - Seele und Leib zurück.
In seinem 1500 Seiten starken Hauptwerk "Der Geist als Widersacher der Seele" versucht Klages detailliert nachzuweisen, wie in der Menschheitsgeschichte der Geist als ausserkosmischer Fremdling in das Leben eindringt, um "den Leib zu entseelen" und "die Seele zu entleiben". Dieser Prozess hat für ihn bei Sokrates begonnen, sich im Christentum fortgesetzt und in der Neuzeit mit einer "imperialen Selbstermächtigung" des logozentrischen mechanistisch- deterministischen Denkens einen Höhepunkt erreicht. In einer Welt des Fortschrittsdenkens und des Machtwahns vereinsamt für Klages zwangsläufig der Mensch, da er von der Vitalität ausgeschlossen wird und sich Surrogate suchen muss (anstatt sich, wie ebenfalls Bataille feststellt, gemäss seiner Natur zu verschenken). Allein in der Kunst, in der Metaphorik der Sprache hat sich für Klages noch die Weisheit des Menschen eine erlebte Ganzheit bewahrt. Denn grundsätzlich geht für ihn von Bildern eine seelische und elementare Macht aus, die alle Organismen und auch alle kosmischen Erscheinungen durchwirkt. So kann sich dem autochthonen Menschen die Welt als eine von den Trieben unabhängige "Fernschaugabe" offenbaren, wenn er sie in Bildern gestaltet. Belege dafür liefert Klages mit kulturhistorischen und ethnologischen Material aus der Mythologie ("Magna Mater"), der Dichtung und der Kunst. Für ihn können Poesie und Logik vereint werden, wenn es (wie im Pelasgertum) zu einem Zusammenwirken zwischen dem Makrokosmos der in der Welt wirkenden Bilder und dem Mikrokosmos der empfangenden Seele kommt. In diesem Zusammenhang sind auch seine ausdrucks- und charakterkundlichen Forschungen zu verstehen, für die er unter Berufung auf Lavater eine methodische Anwendung in der Graphologie findet. Klages besucht in seiner Heimatstadt Hannover und später in Leipzig Vorlesungen über Chemie, Physik, Philosophie und auch Psychologie bei Wundt. Bereits in dieser Zeit wendet er sich von der naturwissenschaftlichen Denkweise ab und interessiert sich mehr für mystische Erlebnisse. Mit Gleichgesinnten wie Stefan George, Alfred Schuler und Karl Wolfskehl vertieft er innerhalb der "Kosmischen Runde" seine Kenntnisse über archaische Mysterien und Symbole. 1895 wird er Mitglied des bereits bestehenden "Institut für wissenschaftliche Graphologie" und gründet ein Jahr später die "Deutsche Graphologische Gesellschaft". Auf Vortragsreisen in Deutschland und Österreich lernt er Siegmund Freud, Robert Musil und Walter Benjamin kennen. 1913 formuliert er in seinem Aufruf "Mensch und Erde" eine scharfe Anklage gegen den zivilisierten Fortschritt und publiziert damit vielleicht das erste ökologische Manifest. In seinem Nachlasswerk "Rhythmen und Runen" warnt er erneut --den Untergang der Erde voraussehend-- vor dem verhängnisvollen Weg der menschlichen Entwicklung. Der Erste Weltkrieg löst bei ihm einen tiefen Schock aus, so dass er von München in die Schweiz übersiedelt und hier Privatvorlesungen abhält. 1922 erscheint seine Schrift "Vom kosmogonischen Eros", in der er ausgehend vom Konzept des Dionysischen das Wesen der Ekstase als eine Befreiung der Seele von der Knechtschaft des Geistes beschreibt. Zehn Jahre später hat er sein dreibändiges Hauptwerk "Der Geist als Widersacher der Seele" fertiggeschrieben. 1933 bekommt er in Berlin eine Gastprofessur, wird aber wegen seinem Pessimismus und besonders wegen seiner im Nietzsche -Buch erklärten Absage an den "Willen zur Macht" bald in der Nazi- Presse angegriffen. Bis zu seinem Tode bleibt er Schweizer Staatsbürger und besucht nur noch wenige internationale Kongresse. |