Friedrich Kittler (1943)
Medien und ihre technologischen Gegebenheiten determinieren für Kittler in einer direkten Abhängigkeit kulturelle Entwicklungen. Deshalb habe kein geschichtliches Dasein die Zentralperspektive in die Welt gesetzt, sondern die Camera obscura erst eine neue geschichtliche Form des In-der-Welt- Seins bestimmt, und eine neue Angriffstaktik von Infanterie und Artillerie im Ersten Weltkrieg (die Ludendorff- Offensive) Heideggers These von der "Geworfenheit" hervorgebracht. Wenn Kittler die Geschichte der Medien von der Buchdruckerkunst über die napoleonische Optotelegrafie bis hin zum Infowar des Computers detailliert beschreibt, verweist er wie ein Verschwörungs- Theoretiker stets auf das movens der Technik. Für ihn besteht kein Zweifel, dass die Erfindung der Gutenbergpresse und des Schiesspulvers die kulturelle Entwicklung mehr vorangetrieben haben als menschliche Bedürfnisse selbst. Mit dem Verzicht auf traditionelle Basiskategorien der Human- wissenschaften und Soziologie reiht sich Kittler so in eine Medientheorie ein, die --wie bei Baudrillard mit dem Ende der Macht und bei Virilio mit dem Ende des Politischen-- von einer reinen Selbst- Vermittlung gesellschaftlicher Verhältnisse ausgeht und Foucaults Prognose vom "Ende des Menschen" als faktische Gegebenheit versteht.
  Bei Kittler wird diese Selbstreferentialität vorallem durch Kriege vorangetrieben, da Medien an sich immer zu einer totalen Mobilmachung zwingen würden. In diesem Sinne haben sich für ihn mit dem amerikanischen Bürgerkrieg u.a. Speichertechniken wie der Film, das Grammophon und das Mensch- Maschinesystem: Typewriter entwickeln können. Im Ersten Weltkrieg seien dazu die Übertragungstechniken: Radio, Fernsehen und im Zweiten Weltkrieg der Computer entstanden, den (in Erweiterung von McLuhans Evolutionstheorie) bald nicht mehr Menschen, sondern Rechner selber bauten.
  Friedrich Kittler soll zu den wenigen Medientheoretikern gehören, die selbst über Programmier- Kenntnisse verfügen. Im sächsischen Rochlitz aufgewachsen, siedelte er mit seiner Familie 1958 in die Bundesrepublik über. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie in Freiburg (Breisgau) interpretiert er mit der strukturalen Psychoanalyse von Lacan Texte der Klassik und Romantik. 1976 promoviert er mit einer Arbeit über den Dichter Conrad Ferdinand Meyer und arbeitet bis zu seiner Habilitierung als Assistent in Freiburg. 1987 erhält er eine Professur für Neugermanistik an der Ruhr- Universität Bochum und entdeckt in dieser Zeit bei der Analyse von literarischen Texten das Gesetz der medialen Bedingtheit von historischen Prozessen. In seinem 1986 veröffentlichten Buch "Grammophon Film Typewriter" versucht er, geschult am Strukturalismus und in Anlehnung an Vicos Geschichtsphilosophie gegen hermeneutische Interpretationen seine These von einem technisch- medialen A priori zu belegen. Es geht ihm dabei stets um Kontexte, d.h. die "Schaltungen", um --so in seinem 2002 veröffentlichen Berliner Vorlesungen "Optische Medien"-- ausführlich zu zeigen, wie die Ideen der Kultur von der technischen Hardware durchdrungen sind.