Karl Kautsky (1854-1938)
Als Pragmatiker kann Kautsky die materialistische Geschichtsauffassung und damit auch Marx popularisieren. Es gelingt ihm, mit seiner "Kapital"- Interpretationen die sozialdemokratische Partei auf einen historischen Determinismus zu verpflichten, der von der Notwendigkeit einer Sozialisierung der Produktionsmittel ausgeht. Unter seinem Einfluss definiert sich die SPD bis zum Bernsteinschen Sozialreformismus als eine revolutionäre Klassenpartei, die sich für eine Gleichberechtigung durch die Überwindung der kapitalistischen Eigentumsordnung einsetzt.
  Da das Proletariat, wenn es aus dem kapitalistischen Ausbeutungssystem als kollektive Identität hervorgeht, für Kautsky der alleinige Träger des Fortschritts ist, wehrt er sich gegen den Versuch von Eisner, den Klassenkampf als ein ethisches Ideal zu begründen. In seinem 1906 veröffentlichten Buch "Ethik und materialistische Geschichtsauffassung" wird jedenfalls dem französischen Materialismus des 18. Jahrhunderts vor einem am Kant'sche Idealismus angelehnten "Sollens- Ethik" der Vorzug gegeben. Mit dem Bezug auf Bruno Bauers Evangelienkritik sieht Kautsky in seiner 1908 publizierten Schrift "Ursprung des Christentums" eine Parallele zwischen dem "kommunistischen Klassenhass" und den frühen rebellischen Christen. Während die Institutionalisierung des Glaubens durch den "Revisionisten" Matthäus das Christentum um seine ursprünglich radikalen Ziele gebracht hat, ist für ihn wegen der zunehmenden Klassenantagonismen und dem wachsenden Klassenbewusstsein jedoch das Proletariat vor diesem Fehler gefeit.
  Dennoch wehrt sich Kautsky zunehmend gegen die von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht vertretene Position einer Radikalisierung des politischen Kampfes durch die Organisation von Massenstreiks. Er wirft den Vertretern der "rebellischen Ungeduld" einen geschichtsfernen Aktionismus vor, der eine Revolution lediglich erzwingen will. Mit seiner These von der evolutionären Gesetzmässigkeit der historischen Entwicklung will Kautsky keine "Revolution anstiften", sondern vielmehr vorbereiten helfen. Mit dieser Haltung kritisiert er in seinen nach der Oktoberrevolution publizierten Arbeiten auch die Bolschewiki, da sie eine ökonomische Rückständigkeit und den Mangel an moralischer Reife beim Proletariat durch bürokratische und diktatorische Massnahmen kompensieren müssen. Dafür wird er von Lenin und Trotzki scharf attackiert, so dass er bald unter den Linken im Streit um die legitime Deutung des Marxismus immer mehr an Einfluss verliert und letztendlich seine Position als Vermittler innerhalb der Arbeiterbewegung einbüsst.
  Als Student in Wien beschäftigt sich Kautsky intensiv mit den nationalökonomischen Theorien von Smith, Ricardo und Dühring sowie dem Marx'schen "Kapital". In dieser Zeit wird er Mitglied der österreichischen Sozialdemokratie. Nach dem Studium liebäugelt er damit, Maler, Dramatiker oder Regisseur zu werden, beginnt aber als Publizist Artikel für die Wiener Parteipresse und den Leipziger "Volksstaat" (später "Vorwärts") zu schreiben. 1879 erscheint sein erstes Buch "Der Einfluss der Volksmehrung auf den Fortschritt der Gesellschaft", in dem er --der neo- malthusianischen Lehre folgend-- für eine Geburtenregelung als ein sozialpolitisches Instrument eintritt. Nachdem er mit führenden Grössen der deutschen Sozialdemokratie wie Bebel und Liebknecht in persönlichen Kontakt getreten ist, wird ihm von dem Sozialreformer Karl Höchberg das Angebot unterbreitet, an der Wochenzeitschrift "Sozialdemokrat" (die wegen des in Deutschland geltenden Sozialistengesetzes in Zürich erscheint) zusammen mit Eduard Bernstein die Redaktion zu übernehmen. Er beschäftigt sich intensiver mit den Schriften von Marx und Engels, die er beide bald auf einer Reise nach London persönlich kennenlernt. 1883 gründet er die Zeitschrift "Neue Zeit", in der er ohne den Einfluss eines Parteiamtes das programmatische Selbstverständnis der Sozialdemokratie prägen kann. Nachdem 1881 sein Versuch, bei Haeckel in Jena über "Die Entstehung der Ehe und Familie" zu promovieren, am Widerstand der Philosophischen Fakultät scheitert, konzentriert er sich ganz auf die Parteiarbeit. Nach dem Ende der Bismarckschen Sozialistengesetze in Deutschland bereitet er 1891 mit Bebel und Bernstein das Erfurter Programm der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) vor, das eine sozialistische Gesellschaft anstrebt und unvermittelt von sozialreformerischen Gedanken bestimmt ist. Nach der auf dem Parteitag eingeleiteten Revisionismus-Debatte geht Kautsky bald auf Distanz zu dem bisherigen Freund Bernstein, versucht sich aber --besonders nach der russischen Revolution von 1905-- auch als Vermittler zwischen der reformorientierten Parteiführung und den radikalen Linken. 1909 veröffentlichte er sein anti-revisionistisches Buch "Der Weg zur Macht". Der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) schliesst er sich 1917 an, kritisiert aber ein Jahr später in seiner Schrift "Die Diktatur des Proletariats" heftig die Oktoberrevolution in Russland. Da er sich mit dieser Position zunehmend isoliert, verlässt er nach einer kurzen Mitarbeit im Auswärtigen Amt als beigeordneter Staatssekretär die USPD wieder und kehrt 1922 in die SPD zurück. 1925 wird er Mitautor des Heidelberger Programms, das wieder stärker an das Erfurter Programm anknüpft und der SPD sowie der USPD als Einigungsprogramm dienen soll. Zwei Jahre später erscheint sein zweibändiges Werk "Die materialistische Geschichtsauffassung", das er als die Quintessens seiner Lebensarbeit betrachtet. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland emigrierte er in die Niederlande und lebt zurückgezogen bis zu seinem Tod in Amsterdam.