Carl Gustav Jung (1875-1961)
Mit seiner Kritik an der rein triebdynamischen Bestimmung des Unbewussten interpretiert Jung den Libidobegriff als eine allgemein psychische Energie. Er grenzt sich von Freud und auch von Reich ab, als er eine eigene Variante der Tiefenpsychologie entwickelt. Mit ihr geht er von einem kollektiven Unterbewusstsein aus, das mit der Gehirnstruktur vererbt wird und durch Archetypen bestimmt ist. Konkret handelt es dabei um Urbilder, die sich mit so allgemein- elementaren Erfahrungen wie der Geburt, der Mutterschaft, der Trennung und dem Tod zu allen Zeiten und in allen Kulturen im Menschen verankern. Sein Ansatz stützt sich auf überlieferte Mythen, Fabeln, Sagen und Märchen, bei denen er --wie ebenso Cassirer-- eine ursprüngliche Form der Erfahrung feststellt, die genauso wenig wie die Sprache erfunden wird. Sein Ziel ist es, eine Theorie des symbolischen Denkens zu etablieren, um die Sehnsucht nach mystischen Bildern verstehen zu können.
  Mit dieser Sicht hat sich Jung in den dreissiger Jahren aber auch in eine missverständliche Nähe zum Nationalsozialismus gebracht. Dies vorallem durch seine Auffassung zum Judentum, in dem er bspw. in dem Aufsatz "Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie" nur "ein mehr oder weniger zivilisiertes Wirtsvolk" im Vergleich zum "höheren Potential" des "arisch Unbewussten" erkennen kann. Später korrigiert er solche Einschätzungen und beginnt, den Nationalsozialismus kritisch als eine "schizophrene" Entwicklung in der abendländischen Kultur zu analysieren. Ähnlich sind für ihn die Inquisition, die europäischen Kolonialisierung und später der Einsatz der Atombombe zivilisatorische Einschnitte eines gesellschaftlichen Fortschritts, der zwar vorgibt, das Primitive überwunden zu haben, aber immer wieder in barbarische Exesse zurückfällt.
  Beim Interpretieren von Traum- und Mythenmotiven kommt Jung zu der Auffassung, dass die menschliche Psyche nur teilweise einmalig und persönlich ist, d.h. sich eigentlich mehr mit Ordnungsprinzipien beschreiben lässt. Mit seiner induktiv entwickelten Typologie will er, den Menschen auf bestimmte Charaktere mit der grundsätzlichen Unterscheidung einer intro (subjektiv) - und extrovertierten (objektiv orientierten) Individuation festzulegen. Mit vier Untergruppen wird diese Aufteilung noch differenziert und relativiert.
  Darüber hinaus interessiert sich Jung sein Leben lang für okkulte Erscheinungen, den Spiritismus und gnostische Vorstellungen, die er mit einer Synchronizitätstheorie in einen wissenschaftlich verstehbaren Zusammenhang bringen will. Bereits seine Dissertation mit dem Thema "Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene", für die ihm seine medial begabte Cousine Helene Preiswerk als Studienobjekt dient, widmet sich solchen Phänomenen. Er stellt dazu die These auf, dass die Natur und Psyche nicht nur durch kausale Zusammenhänge, sondern durch Raum und Zeit überschreitende Sinnzusammenhänge verbunden sind.
  Jung spezialisiert sich nach einem Medizinstudium in Basel für die Psychiatrie und tritt bereits 1906 offen für die Psychoanalyse Freuds ein. Er wird 1910 der erste Präsident der in Nürnberg gegründeten "Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung" und hält Vorlesungen an verschiedenen Universitäten in den USA. Zwei Jahre später trägt er, der Freuds Lieblingsschüler ist, erstmals abweichende Vorstellungen vor. Durch sein 1912 erscheinendes Buch "Wandlungen und Symbole der Libido" kommt es, nachdem sich bereits Adler von Freud distanziert hat, zum endgültigen Bruch.