Hans Jonas (1903-1993)
Mit einem Naturverständnis, das nicht mehr von dem Aspekt der Objektivierung und der Verfügbarkeit ausgeht, formuliert Jonas in der Moderne wieder ein transzendent- ethisches Prinzip der Verantwortung. Einerseits will er damit das Lebensgefühl von einer Welt- Verlassenheit durch ein natürliches Menschenbild überwinden und zum anderen einer wissenschaftlich- technischen Macht Befugnisse absprechen. Um den Fortbestand des Lebens für Gott und die Nachwelt zu bewahren, darf für ihn nur noch eine Technologie Lebensbedingungen verbessern, die mit einer Heuristik der Furcht Risiken ausschliesst und Langzeit- auswirkungen mit ins Kalkül zieht. D.h. einer schlechten Prognose einen grösseren Stellenwert als einer optimistischen einräumt.
  Den Grund seiner naturphilosophischen Ethik sieht Jonas in der Natur selbst, da ihr ein unbedingt zu achtender Eigenwert und wie beim Menschen der Heideggersche Begriff der Sorge zugrunde liegt. Das Sein der Natur, dem mit der Evolution eine Selbstbejahung innewohnt, ist für ihn durchweg ziel- und zweckorientiert. In diesem Sinne argumentiert er gegen ein szientistisches Weltbild, das seit Hume von einer wertfreien Faktizität ausgeht und in der wohlstands- und fortschrittsorientierten Gesellschaft die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortung einschränkt oder auf blosse Konventionen festlegt. Deshalb ist für ihn eine Gesellschaft anzustreben, in der das Individuum frei ist und eigenmächtig über seine materiellen Grundlagen verfügt.
  Der Versuch, die neuzeitliche Entzweiung von Mensch und Natur zu verstehen und zu überwinden, zieht sich wie ein roter Faden durch das Lebenswerk von Jonas. Bereits seine ersten Veröffentlichungen stellen die existentiellen Erfahrungen der Gnosis in eine Parallele zur modernen Sinnentleerung. Mit einem metaphysischer Werte- objektivismus fordert er eine Selbstbeschränkung (ein "aktives Nein zum Nichtsein"), die sich nicht nur auf den Machtgebrauch erstreckt, sondern auch im Machterwerb gelten soll. Da er in religiösen Dogmen und mythischen Bildern einen existentiellen Erfahrungsboden sieht, dem keine Beweiskraft zukommt, widmet sich Jonas in späten Lebensjahren zunehmend theologisch-kosmogenischen Spekulationen. In seiner 1984 anlässlich einer Preis- Verleihung der evangelisch- theologischen Fakultät der Universität Tübingen gehaltenen Rede "Der Gottesbegriff nach Auschwitz" versucht er, mit dem theologisch- kosmogonischen Gedanken der Schöpfung die Trennung von Leben und Geist zu überwinden. Wenn er hier die These von einer Selbstentsagung Gottes, der das Universum gänzlich sich selbst überlassen hat, vertritt, dann um von einer Macht auszugehen, die in einer dennoch zweckmässig hervorgebrachten Welt selbstständig wirkt.
  Nach seinem Studium der Theologie und Kunstgeschichte in Freiburg, Berlin, Heidelberg und Marburg promoviert Jonas 1930 bei Heidegger und Bultmann über den Begriff der Gnosis. Drei Jahre später emigriert er nach England und anschliessend nach Palästina, wo er ab 1938 an der Hebräischen Universität von Jerusalem lehrt. Während des Zweiten Weltkrieges dient er freiwillig in der britischen Armee als Propagandist und kämpft später als Artillerieoffizier bei der israelischen Selbstschutz- Organisation "Haganah" gegen die Araber. 1949 zieht er nach Kanada, wo er in Montreal und Ottawa Philosophie lehrt. In dieser Zeit erscheint auch die erste Hälfte des zweiten Teils seines Werkes "Gnosis und spätantiker Geist", das erst komplett nach seinem Tod herausgegeben wird. Ab 1955 übernimmt Jonas eine Professur an der New School for Social Research in New York. Hier wird 1966 sein Buch "The Phenomenon of Life" publiziert, in dem er eine philosophische Biologie zu begründen versucht. Nach seiner Emeritierung 1976 arbeitet er an seinem erfolgreichsten Buch "Das Prinzip Verantwortung", das drei Jahre später verlegt wird.