| Karl Theodor Jaspers (1883-1969) |
| Für Jaspers sind es Grenzsituationen, die dem Menschen seine Existenz erhellen. Erstmals
hat er 1919 in seiner "Psychologie der Weltanschauungen" diese conditio humana beschrieben und 1932 in seinem
dreibändigen Werk "Philosophie" ausführlich als "antinomische Struktur" herausgearbeitet. Die menschliche
Existenz wird bei ihm nicht mehr nur als Dasein aufgefasst, sondern als das, was sich selbst und darin zu seinem
Transzendieren verhält. Somit muss jedes Denken die Existenz überschreiten, darf sich aber nicht wie in der Wissenschaft auf
eine Sacherkenntnis reduzieren. Im Gegensatz zur rationalen Welterklärung kann für Jaspers nur die Philosophie
diesem Anspruch gerecht werden, insofern sie sich auf grundlegende Lebensprobleme (Grundsituationen) und die Grenzen des
Daseins (Grenzsituationen) konzentriert. Deshalb lehnt er jedes Wissen ab, das wie in der Psychologie oder Soziologie
den Menschen nur als Objekt und im Dienste einer technischen Daseinsordnung sieht. In seinem 1931 publizierten Buch
(der 100sten Ausgabe der Göschen- Edition) "Die geistige Situation der Zeit" analysiert er mit dieser Perspektive
die geistigen Grundlagen der Moderne, die für ihn primär durch die Technik und das Massendasein bestimmt ist.
Die daraus resultierende geistige Nivellierung, Mechanisierung der Arbeit und Bürokratisierung der Gesellschaft
schaffen für ihn ein Krisen- Bewusstsein, das den Willen des Einzelnen zu einer eigenständigen Lebens-
Gestaltung wieder stärkt.
Für Jaspers, der sich immer gern als eine philosophisch moralische Instanz versteht, aber nicht wie Nietzsche oder Sartre von gesellschaftlichen Gegebenheiten ausgeht, kann der Mensch sein eigenes Wesen nur in einem nicht objektivierenden Bereich der Freiheit erfahren. So umfasst die Existenz des Menschen stets mehr, als im eigenen Wissen erkannt wird. Eine allgemeingültige Definition der Existenz kann es also nicht geben, nur die paradoxe Formulierung wie schon bei Kierkegaard, da der Mensch sein eigenes Wesen erst als einen nicht objektivierenden Bereich der Freiheit erfährt und in dieser Weise anerkennen kann. Eine solche Entwicklung ist nie abgeschlossen. Damit ist die Geschichte für Jaspers der Daseinsgrund des Menschen und wird im Gegensatz zur einseitigen christlich abendländische Perspektive universal verstanden. In seinem 1949 vorgelegten Buch "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte" versucht er, mit dem Gedanken einer gemeinsamen Achsenzeit zwischen 800 und 200 v. u. Z. den Nachweis zu erbringen, dass mit dem Entstehen der Weltreligionen in China, Indien, Iran, Pakistan und Griechenland parallel der Prozess einer geistigen Neuorientierung begonnen hat. Somit stehen die Grundkategorien unseres Denkens auf einer gemeinsamen Grundlage. Jede Existenzerhellung ist für Jaspers eine Weltorientierung und damit ein überschreitendes Denken, das allgemein auf Transzendentes und konkret auf die Chiffren (Bilder, Mythen und formalen Gegebenheiten) Natur, Geschichte und die Unvollendbarkeit des Zeitdaseins weist. In seinem einzig vollendeten Band einer geplanten Philosophischen Logik, dem während der NS-Zeit geschriebenen Buch "Von der Wahrheit", entwickelt Jaspers seine Lehre vom Umgreifenden (Periechontologie - Grenzontologie), die als ein grundlegendes Instrument eine philosophische Gewissheit vermitteln will. Die Frage nach dem Ursprung der Wahrheit führt ihn hier immer wieder zu der Frage nach dem Sein, das im Gegensatz zu Heideggers Fundamentalontologie als ein alles Seiende umgreifender Horizont begriffen wird und über das Medium der Vernunft erkennbar ist, wenn einzelne Weisen des Seins nicht isoliert oder verabsolutiert werden. Nach einem kurzen Jurastudium wechselt Jaspers 1902 zur medizinischen Fakultät, wo er sechs Jahre später mit der Promotionsarbeit "Heimweh und Verbrechen" abschliesst. Während seiner Zeit als Assistenzarzt an der Psychiatrischen Klinik in Heidelberg schreibt er unter dem Einfluss von Husserl seine "Allgemeine Psychopathologie" als eine phänomenologische Analyse und habilitiert sich mit dieser Arbeit 1913 bei Windelband. Da eine seltene Lungenkrankheit sein Leben und seinen Arbeitsrhythmus bestimmt, entscheidet er sich für eine akademische Laufbahn. 1921 erhält er die Stelle als Ordinarius für Philosophie in Heidelberg und ein Jahr später trotz des Widerstandes von Rickert hier eine Professur. In dieser Zeit erscheinen seine Arbeiten "Strindberg und van Gogh", "Die Idee der Universität", "Die geistige Situation der Zeit" und sein dreibändige Werk "Philosophie - Weltorientierung, Existenzerhellung und Metaphysik". 1937 wird er wegen seiner Ehe mit einer jüdischen Frau zwangsweise pensioniert und darf auch nicht mehr publizieren. Nach 1945 nimmt er mit seinen Vorlesungen zur "Schuldfrage", in denen er gegen eine pauschale Kollektivschuld eintritt, die Lehrtätigkeit in Heidelberg wieder auf. Bald folgt er einem Ruf nach Basel, wo er bis 1961 lehrt und neben seinen politischen Schriften und Monografien 1962 sein Buch "Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung" veröffentlicht. Er erhält zahlreiche Ehrungen, wie den "Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels" und den "Erasmus-Preis". Das Grosse Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland lehnte er jedoch ab und gibt sogar gegen Ende seines Lebens den deutschen Pass zurück. Zuvor hat er bereits die Verjährung der Judenmorde sowie die Notstandsgesetze in seinem Bestseller "Wohin treibt die Bundesrepublik?" heftig attackiert und zum Verzicht auf die deutsche Wiedervereinung als Sühne für die NS- Verbrechen aufgerufen. |