Roman Osipovich Jakobson (1896-1982)
Während für Hjelmslev von der Kopenhagener Schule die Sprache in erster Linie ein System von Relationen darstellt, interessiert sich Jakobson primär für den sinnlichen Aspekt, für das phonologische Material einer Sprache und gibt damit bewusst Saussures Trennung zwischen langue und parole auf. Für ihn soll sich die Linguistik wieder mehr mit der Wirklichkeit auseinandersetzen und weniger von rein strukturellen Überlegungen getragen werden. Sein erklärtes Ziel ist es, letztendlich zu einem ganzheitlichen Verständnis zu gelangen.
  Im Vordergrund seiner Untersuchungen steht der lautliche Charakter, das "Fleisch" einer Sprache, um Rückschlüsse auf Universalien zu bekommen. Strukturelle Ansätze orientieren sich bei ihm in erster Linie an funktionalen Beziehungen, die durch Beobachtungen in bestimmten kommunikativen Situationen festgehalten werden. In seiner Systematik bezieht er sich auch zunehmend auf Aspekte der mehrwertigen Logik, mit der ein tertium non datur und ein widerspruchsfreies Beschreibungsmodell aufgegeben werden. In diesem Zusammenhang spricht er sich gegen die Grunddichotomien wie langue vs. parole, Varianz vs. Invarianz, Code vs. Botschaft oder Kompetenz vs. Performanz aus und plädiert stattdessen für einen dynamischen Strukturalismus. Der Systemcharakter der Sprache wird aber nicht aufgegeben, ja sogar gegen atomistische Auffassungen vehement verteidigt.
  Unter dem Einfluss des avantgardistischen russischen Formalismus stehend, beschäftigt sich Jakobson auch mit der Poetik, die er als eine spezielle Wissenschaft für die Dichtkunst definiert. In seinem 1960 erscheinenden Buch "Linguistik und Poetik - Linguistics and Poetics" stellt er im Gegensatz zu früheren phänomenologischen Erklärungen und hermeneutischen Methoden Sinn- Zusammenhänge unabhängig von textexternen Phänomenen immanent dar. Mit einem erweiterten Kommunikations- modell deckt er formale Verfahrensweisen auf, um Selbstbezüglichkeiten und vorallem um die These von der Struktur als Botschaft nachzuweisen.
  Bereits als Student in seiner Heimatstadt Moskau wird Jakobson Gründungsmitglied vom "Moskauer linguistischen Kreis" und bald zu einem wichtigen Vertreter des russischen Formalismus. Ab 1920 lebt er in Prag und bemüht sich hier, innerhalb der Prager Schule die Grundlagen einer strukturalen Linguistik zu begründen. In Brünn arbeitet er ab 1933 als Professor für russische Philologie, muss aber sechs Jahre später vor den Nazis fliehen. Während einer Schiffsreise in die USA lernt er Cassirer kennen und stösst in den ersten Jahren seines neuen Exils auf Levi-Strauss. Seit 1943 lehrt er an der Colombia University, ab 1949 als Professor für Slawistik und allgemeine Linguistik in Harvard und Ende der fünfziger Jahre am MIT.