| Luce Irigaray (1930) |
| Mit ihrer Kritik am patriachalen Denken bemüht sich Luce Irigaray um eine Neudefinition des
individuellen und kollektiven Lebens. Dass der natürliche weibliche Körper in unserer Kultur keine Rolle spielt,
manifestiert sich für sie vornehmlich in einem einseitig orientierten Phallozentrismus, wie er sich symptomatisch
bei Freud zeigt. Eine solche Beschränkung versucht sie, in ihrem 1974 erschienen Buch "Speculum. Spiegel des anderen
Geschlechts" in der Philosophiegeschichte des ganzen Abendlandes nachzuweisen. Da schon bei Platon und Sokrates der Blick
auf das andere Geschlecht nur ein Negativum konstruiere, funktioniert für sie die weibliche Identität nur als
"Speculum", als das bloss verkehrte Andere zum Männlichen, so dass eine Gleichsetzung innerhalb der sexuellen
Differenz in unserer symbolischen Ordnung eine Heuchelei bleibt. Dies gelte auch für den Anspruch einer wertneutralen
Wissenschaft, da deren Sprache weder geschlechtslos noch neutral ist, wie sie in ihrem 1982 in der Zeitschrift "Le Temps
Modernes" publizierten Aufsatz "Ist das Subjekt der Wissenschaft geschlechtsspezifisch?" erklärt. Dabei versteigt sie
sich auch zu der Behauptung, dass in einer Welt ohne geschlechtliche Neutralität selbst die Gleichung e=mc² keine
Universalität beanspruchen könne.
Luce Irigaray strebt wie Judith Butler die Dekonstruktion von verzerrten Binaritäten an, um ein neues Denken und eine neue private und politische Praxis der sexuellen Differenz auszuarbeiten. Doch bleibt sie der psychoanalytischen Logik --vorallem Lacans Konzept des Mangels-- verpflichtet und forciert damit nur die Wider- sprüchlichkeit von Gender- Identitäten, ohne sie etwa --wie Deleuze und Guattari mit dem Konzept des organlosen Körpers oder des Werdens-- aufzulösen. Auf eine geschlechtliche Differenz in biologisch- anatomischer sowie psychischer und sozialer Hinsicht bestehend, versucht Luce Irigaray ein wissenschaftliches Sprechen über das Objekt Frau in ein unmittelbares "Frau- Sprechen" zu transformieren. Damit praktiziert sie einen Stil-Wandel, der beim Wechsel von der wissenschaftlich neutralen in eine spekulative Sprache und zu literarischen Ausdrucksformen die vorherrschende symbolische Ordnung denunzieren und aufbrechen soll. Ihr erklärtes Ziel ist es, der diagnostizierten "Phallokratie" die These einer offenen und vieldeutigen Weiblichkeit gegenüberzustellen. Mit ihrem Insistieren auf ein im Sinne von Rousseau natürliches Anderssein setzt sie sich jedoch trotz ihrer Allianz mit dem Poststrukturalismus dem Vorwurf aus, einem Essentialismus verhaftet zu sein. Einem Essentialismus, mit dem die Frau nur wieder über eine Wesenheit --und nicht wie in der poststrukturalistischen Leseart als eine zeichenhafte Zuschreibung-- definiert wird. Nach einem Philosophie- Studium und der Promotion an der Universität Leuven in Belgien besucht Luce Irigaray in Paris die psychoanalytischen Seminare bei Lacan. Sie promoviert nach einer Ausbildung zur Analytikerin 1968 im Fach Linguistik. Da sie in ihrer Habilitationsschrift "Speculum de l'autre femme - Spiegel des anderen Geschlechts" als Feministin Freud radikal in Frage stellt, wird sie von den Anhängern Lacans aus dem "Département de Psychoanalyse de Vincennes" ausgeschlossen. Als Forschungsleiterin für Philosophie am Centre Nation de la Recherche Scientifique (C.N.R.S.) in Paris arbeitet sie in der Folgezeit mit zahlreichen Frauengruppen aus unterschiedlichen Ländern zusammen. |