Edmund Husserl (1859-1938)
In einer Zeit der "ratlosen Betriebsamkeit" versucht Husserl mit seiner Phänomenologie wieder durch eine neue Methodik zu unumstösslich ewigen Wahrheiten, zu einer Letztbegründung zu kommen. Dieser Anspruch ist nicht neu, da ja schon in Krisenzeiten Platon mit der Vision einer Ideenwelt, Augustinus mit der Gewissheit des Glaubens oder Descartes mit seinem cogito ähnliche Anstrengungen unternahmen. Doch will Husserl die Philosophie als eine Universalwissenschaft etablieren, indem er erstmals das erkennende Bewusstsein auf sich selbst als einen adäquaten Sach- und Selbstbezug zurückführt. In der Abgrenzung vom Positivismus und vorallem der Psychologie (die sich als eine Grundwissenschaft zu behaupten beginnt, indem sie die Gesetze der Logik als Ausdruck von psychischen Gegebenheiten sieht) geht er in seinen "Logischen Untersuchungen" von einer objektiven Welt aus, die in ihrem Sein letztendlich nicht mehr in Frage gestellt werden kann. Dies bedeutet vor aller Anschauung und aller Theorie --wie die eines Systemdenkens bei dem Neukantianer Paul Natorp-- mit einem absoluten Anfang der Erfahrung eine Philosophie von unten zu behaupten. Eine Philosophie, die sich nicht mehr wie bei Hume, Locke oder den späteren Empiristen nur an das Faktische hält, sondern als Wesensschau die Gesetzmässigkeit des Erkennens, d.h. etwas sich selbst Aussprechendes meint (also das, was nicht abgeleitet, konstruiert oder erschlossen werden muss).
  Um den Gegensatz von Objektivismus und Subjektivismus zu überwinden greift Husserl in seinen "Cartesianischen Meditationen" das Theorem der Intention von Franz Brentano auf. Das subjektive Bewusstseinserleben und das Gegenständliche stehen damit in einem unaufhebbaren Zusammenhang, so dass mit einer kritischen Weiterentwicklung von Descartes ein transzendental reines Bewusstsein in den Vordergrund rückt. Mit einer phänomenologischen Reduktion (der sogenannten Epoché) sollen alle Vor-Urteile, alles Vorwissen eingeklammert bzw. inhibiert werden, um bei der analytischen Betrachtung den Blick auf das zu richten, was im Erlebnis der Evidenz unmittelbar erscheint. Auf diese Weise kann der Philosoph "zu den Sachen selbst" --auf die Art und Weise, wie sie sich zeigen-- vordringen. Im Unterschied zu Kant wird hier das Ich nicht mehr als ein weltlich faktisches Subjekt, sondern als blosses transzendentales Konstitutionsprinzip und die Welt mit ihren intentionalen Objekten als ein reines Scheinen in einem "Erlebnisstrom" für das Bewusstsein erkannt. Diese Art der Reduktion führt bei Heidegger zu einer Destruktion und bei Derrida später zur Dekonstruktion der abendländischen Metaphysik. Während Husserls frühere Schüler wie Roman Ingarden noch an der Selbstgegebenheit der Sachen als einer ontologischen Selbstständigkeit festhalten, bei der jedes Gegebene eine Gegebenheit für das Bewusstsein ist.
  Doch Husserl geht es, wie in späteren Texten deutlich wird, mehr um einen idealistischen Bewusstseinsakt, der als "Urkategorie des Seins" Geltung beanspruchen soll. Unermüdlich wird er in der Folgezeit die verschiedenen Dimensionen des Bewusstseins als Sinnstifter untersuchen, um Fragen zu Raum und Zeit, zur Konstitution von Natur und Geist stellen zu können. Mit der Metapher des "Horizonts", die Gadamer für sein hermeneutisches Verständnis weiterentwickelt, versucht Husserl konkrete Bedeutsamkeitsbezüge, die als Vorverständnis in einer offenen Welt gegeben sind, zu umschreiben. Auch signitive, symbolische oder leere intentionale Akte des Vermeinens werden mit der "Erlebniszeitlichkeit" als ein entsprechend Gegebenes angesehen. Dafür gibt Husserl im zweiten Buch der "Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie" bereits mit seiner Theorie der Leiblichkeit, die im Leib eine transzendentale, sinn- und selbststiftende Funktion sieht, auch den cartesianischen Gegensatz von res cogitans und res extensa auf. Von Merleau-Ponty wird diesen Ansatz aufgegriffen und als Ambiguität zum Angelpunkt einer Neuinterpretation der Phänomenologie.
  Bezüge zur Gesellschaft und Geschichte nehmen erst in Husserls Spätwerk einen breiteren Raum ein. Lange Zeit hat er sich nur mit dem Gedanke der Intersubjektivität beschäftigt, den Levinas zu einem allein ethischen Anspruch weiterentwickelt. In seiner letzten, nicht vollendeten Schrift "Die Krisis der europäischen Wissenschaften" besinnt er sich auf die historische Gegebenheit des Wissens, wenn er mit einer Kritik an der gegenwärtig positivistischen Sicht auf die Kräfte einer erweiternden Vernunft insistiert. Er macht das Vergessen der bereits von Avenarius und Dilthey eingeforderten "Lebenswelt" für die Sinnkrise der Moderne verantwortlich und schafft nun mit der Besinnung auf eine vorwissenschaftliche Welt, die als "Universalhorizont" alle Lebenspraxis umfasst, einen erweiterten Zugang zur Phänomenologie.
  Husserl, der in einer jüdischen Tuchhändler- Familie aufwächst und evangelisch getauft wird, studiert in Leipzig neben Mathematik, Physik, Astronomie auch Philosophie. Er besucht Vorlesungen von Wundt und ist von seinem "Institut für experimentelle Psychologie" beeindruckt. In Berlin setzt er sein Studium fort und arbeitet bei dem Mathematiker Weierstrass als Assistent. Mit den Thesen einer psychologisch begründeten Philosophie von Franz Brentano wird er in Wien vertraut, wo er 1882 auch mit einer "Theorie der Variationsrechnung" promoviert. In seiner Habilitations-Schrift "Über den Begriff der Zahl. Psychologische Untersuchungen" und in dem danach modifizierten Buch "Philosophie der Arithmetik. Psychologische und logische Untersuchungen" bemüht er sich um eine psychologische Begründung mathematischer Vorstellungen, stösst damit jedoch bei Gottlob Frege auf Kritik. Mit seinem um die Jahrhundertwende erscheinenden "Logischen Untersuchungen" gibt er als Zweiundvierzigjähriger seine bisherige Überzeugung wieder auf und befreit sich vom Dogma des Psychologismus, um mit einer beschreibenden Untersuchung des Bewusstseins die Grundlage für seine phänomenologische Methode zu entwickeln. Seine Arbeit, die ihm eine breite Anerkennung in der Fachwelt bringt, wird mit einer Professur in Göttingen belohnt. Er lernt in der Folgezeit den Mathematiker David Hilbert, Dilthey, Scheler und Jaspers sowie Hugo von Hofmannsthal kennen. Während des Ersten Weltkriegs übernimmt Husserl in Freiburg den freigewordenen Lehrstuhl des Neukantianers Heinrich Rickert. Zuvor hat er seine "Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie" (1913) veröffentlicht, in denen er die phänomenologische Reflexion wieder auf ein transzendentales Subjekt zurückführt. Im Kreis seiner frühen Schüler wird die "idealistische" Wendung, die Anfang 1929 in seinen in wenigen Wochen für einen Vortrag in der Sorbonne niedergeschriebenen "Cartesianischen Meditationen" noch deutlicher wird, mit Unverständnis aufgenommen. 1918 gründet Husserl die "Freiburger phänomenologische Gesellschaft". Seine erste Assistentin ist die spätere katholische Ordensfrau Edith Stein. 1919 wird Heidegger ein wichtiger Mitstreiter, aber mit seinem Buch "Sein und Zeit", das Husserl erst nach seinem Erscheinen gelesen haben soll, auch ein ernster Rivale. In seinem letzten Lebensjahrzehnt, das mit etlichen Vortragsreisen in Amsterdam, Paris, Frankfurt am Main, Berlin, Halle, Wien, Prag angefüllt ist, schreibt Husserl an seinem Spätwerk "Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie". Der erste Teilband wird 1935 in einer Belgrader Zeitschrift veröffentlicht. Ein Jahr später verliert der Siebenundsiebzigjährige seine Lehrbefugnis und muss ein Hausverbot von seinem einstigen Schüler Heidegger entgegennehmen. Bald wird er auch mit seiner Frau aus der Freiburger Wohnung vertrieben. In einer abenteuerlichen Aktion gelingt es dem belgischen Franziskanerpater Herman Leo Van Breda, seine in der Universität gelagerten Schriften in Sicherheit (etwa 45.000 unveröffentlichte Manuskriptseiten) zu bringen, mit denen im belgischen Leuven das Husserl-Archiv gegründet wird.