Max Horkheimer (1895-1973)
Mit seiner kritischen Theorie will sich Horkheimer von einem Denken abgrenzen, das mit der fortwährenden Reproduktion des Bestehenden nur das Abbild einer widerspruchsvollen kapitalistischen Wirtschaftsform bleibt. Eine klare Absage erteilt er in diesem Zusammenhang besonders dem Neukantianismus Marburger Prägung, da dieser von einer schöpferischen Souveränität ausgeht und so die eigene Position im gesellschaftlichen Apparat verleugnet. Um mit seinem emanzipatorischen Anspruch die Grenzen der traditionellen Theorie zu überwinden, setzt sich Horkheimer zunehmend mit den wissenschaftlichen Produktionsbedingungen auseinander, indem er sie im Sinne der Ökonomischen Theorie und des Dialektischen Materialismus von Marx als eine nichtreflektierte Parteilichkeit transparent macht. Mit diesem Anspruch kommt er auch zu der Erkenntnis, dass der menschlichen Rationalität im wissenschaftlich- technischen Fortschritt eine verhängnisvolle Eigendynamik zugrunde liegt. Die Ursache dafür sieht er im Dominieren einer subjektiven, instrumentellen Vernunft (für Marcuse ist es die technologische Rationalität), die jede Selbst- verwirklichung des Menschen hintertreibt. Alle Bemühung um Objektivität gehen für Horkheimer verloren, da unter dieser Voraussetzung das Individuum und die Natur allein unter der Verfügbarkeit betrachtet werden.
  Wenn sich das 1926 als private Stiftung gegründete Institut für Sozialforschung unter seiner Leitung zuerst auf parteienunabhängige Untersuchungen zum Proletariat konzentriert, ändert sich mit dem Blick auf die faschistische Ideologie deren Aufgabe rasch. Im Mittelpunkt stehen alsbald sozialphilosophische und -psychologische Studien, die z.B. in Horkheimers 1936 publizierten Aufsatz "Autorität und Familie" mit der These von der "vaterlosen Gesellschaft" neue Bedingungen für die Sozialisation thematisieren. Horkheimer sieht hier den Raum der Familie, in dem nicht nur Unterdrückung und Autorität vermittelt werden, sondern der Einzelne ebenso eine starke Ich- Identität gegenüber der Gesellschaft entwickelt, in Auflösung begriffen.
  Während lange Zeit die Marxsche Theorie für Horkheimer sehr wichtig war, kommt er nach dem zweiten Weltkrieg zu der Einsicht, dass in einer zunehmend total verwalteten Welt eine Revolution des Proletariats ausbleiben muss. Mit der allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards sind für ihn klassenimmanente Forderungen nach Freiheit und Gerechtigkeit nicht mehr zu vereinbaren. In einer stabilen Wirtschaft mit immer mehr Gerechtigkeit schränkt sich seiner Meinung nach für den Einzelnen die Freiheit automatisch ein. Bereits in der mit Adorno entwickelten "Dialektik der Aufklärung" rückt der Aspekt der Zivilisationskritik, in der Fortschritt nur noch in Regression und Irrationalismus umschlägt, in den Vordergrund. Freilich stärker von Schopenhauer, Klages und Spengler beeinflusst und weniger als bei Adorno unter dem Gesichtspunkt von Benjamins negativer Geschichtsphilosophie. Für Horkheimer verliert das moderne Denken die Fähigkeit, neben der Effektivität der Mittel auch die Vernünftigkeit der Zwecke zu beurteilen. Mit dieser Sicht entpuppt er sich in späten Jahren als ein konservativer Denker, der sich gegen die Anti-Baby- Pille und gegen die Antivietnam- Kriegsbewegung ausspricht.
  Seine Jugend war hingegen ganz von dem Gedanken der Revolte geprägt, wie Texte aus dieser Zeit (so vorallem die erst 1934 unter dem Pseudonym Heinrich Regius veröffentlichte Aphorismen- Sammlung "Dämmerung") belegen. Als einziger Sohn einer jüdischen Industriellen- Familie entwickelt Horkheimer früh ein Bewusstsein für die gesellschaftliche Ungerechtigkeit und lehnt es ab, die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Nach einer Handelslehre holt er das Abitur nach und studiert Psychologie und Philosophie in München, Freiburg und dann Frankfurt/Main. Hier promoviert er 1922 bei Hans Cornelius über die "Antinomie der teleologischen Urteilskraft" und freundet sich mit Adorno an. Nach seiner Habilitation über "Kants Kritik der Urteilskraft als Bindeglied zwischen theoretischer und praktischer Philosophie" arbeitet er als Privatdozent und heiratet überraschend die Sekretärin seines Vaters. 1930 gründet er mit seinem Jugendfreund Friedrich Pollock und Felix Weil (sein Vater wird der Mäzen) das Institut für Sozialforschung. Nach dem Ausscheiden des ersten Leiters Carl Grünberg übernimmt er die Leitung und gibt die erste Nummer der "Zeitschrift für Sozialforschung" heraus. In ihr erscheint auch 1937 im Heft 3 der für die Kritische Theorie programmatische Artikel "Traditionelle und kritische Theorie". Da es ihm gelingt, das Stiftungsgeld vor dem Zugriff der Nazis nach Genf zu transferieren, kann das Institut mit Fromm (im Bereich Sozialpsychologie), Leo Löwenthal (Literatursoziologie), Pollock (Ökonomie) und Marcuse (Philosophie und Faschismustheorie) ein Jahr später an der Columbia University in New York weiter bestehen. Obwohl hier am Anfang ein umfangreiches Forschungsprojekt zum Antisemitismus (Studies in Prejudice) in Angriff genommen wird, stagniert bald die wissenschaftliche Arbeit. Horkheimer, der an Schreibhemmungen leidet und sich deshalb einer Psychoanalyse unterzieht, gibt 1941 in Los Angeles sein lang geplantes Buch über die Dialektik auf und beginnt mit Adorno, die "Dialektik der Aufklärung" zu schreiben. Die Arbeit wird 1947 in den USA, und erst 1969 in Deutschland veröffentlicht. 1949 kehrt Horkheimer nach Frankfurt zurück, wird Ordinarius für Sozialphilosophie und eröffnet ein Jahr später wieder das Institut für Sozialforschung. Bis 1953 übernimmt er den Posten des Rektors an der Universität Frankfurt/Main und hält zwischenzeitlich Vorlesungen an der Universität Chicago. Nach seiner Emeritierung zieht er sich nach Montagnola bei Lugano zurück.