| Holbach, Paul-Henri Thiry Baron d' -Paul Heinrich Dietrich Baron von(1723-1789) |
| Mit seiner radikal materialistischen Auffassung akzeptiert Holbach nur die Wirklichkeit der Natur.
Diese folgt für ihn als sich selbst schaffende, ewige Materie ausschliesslich dem Bewegungsgesetz einer
mechanischen Notwendigkeit und bedarf keiner metaphysischen Begründung. Die Vorstellung von einem Schöpfer
wird kategorisch abgelehnt, und der Mensch mit seinen seelischen Vorgängen wie bei
La Mettrie als ein rein physisches Wesen verstanden, für
das es weder eine über die Materie hinausgehende Willensfreiheit noch eine persönliche Unsterblichkeit gibt.
Mit dem Tod kehre der Mensch nur "für die Raben, für die wilden Tiere und die Würmer" in den
Kreislauf der Natur zurück. Alle geistigen Qualitäten werden einzig auf Sinnes- Empfindungen und Reaktionen
der Materie zurückgeführt, so dass der
cartesianische Dualismus von Körper und Seele nicht mehr zur Disposition
steht.
In Analogie zu den Gesetzen der Physik formuliert Holbach seine weltimmanente Ethik unter dem Aspekt der sozialen Nützlichkeit. Die Selbstliebe wird von ihm mit der Trägheit, die Attraktion mit der Liebe und die Repulsion mit dem Hass gleichgesetzt, wobei der Selbsterhaltungstrieb (als altruistischer Egoismus) für das menschliche Zusammenleben eine grundlegende Stellung einnimmt. Jede darüber hinausgehende moralische Bestimmung, wie die der Religion, gilt ihm als schädlich oder gar als Ursache moralischer Perversionen, da eine Vernunft, die nicht mehr einem Instinkt folgt, sich gegen die eigene Gattung und das Zusammenleben wendet. Die Volkssouveränität muss für Holbach auch einer "natürlichen Moral" und einem "aufgeklärten Atheismus" verpflichtet sein. Jede Bindung an eine Gottesvorstellung, die als reine "Fiktionen des Gehirns" die natürlichen Anlagen des Menschen verdecken, kann nur Leid und Machtmissbrauch bedeuten. Belege dafür findet Holbach vorallem bei der christlichen Religion, die seiner Meinung nach mehr Zwistigkeiten und Kriege verursacht hat als alle übrigen Religionen der Welt. Für ihn ist es daher wichtig, eine bessere Welt anzustreben, in der die Vernunft die höchste Tugend ist. Dank seines vermögenden Onkels geniesst der Winzersohn Holbach in Edesheim und Paris eine sorglose Jugend und kann in Leiden Jura und Naturwissenschaften studieren. In Paris erwirbt er die französische Staatsbürgerschaft und übernimmt nach der Adaption durch seinen Onkel dessen Adelstitel und Reichtum. Sein Haus wird bald zum Treffpunkt der radikalen Aufklärer, so dass er mit Helvétius, d'Alembert, Rousseau und besonders Diderot bestens bekannt wird und für die Encyclopédie im naturwissenschaftlichen Bereich zahlreiche Artikel zu schreiben beginnt. In Zeiten der Geldnot unterstützt er auch das Projekt finanziell. Daneben übersetzt Holbach zahlreiche Schriften und verfasst erste eigene moralphilosophische, religionskritische und politische Texte, die zumeist anonym oder mit einem Pseudonym veröffentlicht werden. 1770 erscheint mit diesem Selbstschutz sein opus magnum "Système de la nature, ou des lois du monde physique et du monde moral", das schon kurz nach seinem Erscheinen einen Sturm der Entrüstung auslöst und selbst von Voltaire und Goethe abgelehnt wird. In der Zeit der Französischen Revolution wird Holbach noch wenig rezipiert. Erst im 19. Jahrhundert erlangt er mit der Religionskritik von Feuerbach, Auguste Comte und später im Marxismus eine bleibende Popularität. Sein radikaler Materialismus wird auch immer wieder als eine Form des Nihilismus missverstanden. |