| Johann Gottfried Herder (1744-1803) |
| Gegen die Vernunft- Auffassung der Aufklärung setzt Herder die Sprache als das Grundlegende,
als das Menschliche am Menschen. Mit diesem Ansatz legt er den Grundstein für eine sprachphilosophische Wendung, die
jedoch lange Zeit wegen seiner metaphorischen Ausdrucksweise wenig geschätzt und erst nach dem "lingustic turn" bei
Althusser oder
Derrida wieder gewürdigt wird. In seiner 1770 publizierten
"Abhandlung über den Ursprung der Sprachen" definiert er den Menschen --wie später
Nietzsche-- als ein Mangelwesen, das fast ohne Instinkte auszukommen hat
und sich daher eine symbolische Welt erfinden muss. Die mystische Auffassung von einem göttlichen Ursprung der
Sprache wie die Behauptung von einer javonischen Ursprache lehnt er ab, um von einer natürlichen Disposition
auszugehen. Mit dem Übergang von ausgestossenen zu artikulierten Lauten --vom Schrei zum Wort-- entstehen für
ihn im Menschen, der in einer Entwicklung vom Anorganischen zum Lebendigen die Krone der Schöpfung darstellt, die
Voraussetzungen für das Denken.
Die Sprache wird so zum Ausdruck einer sich aus der Natur entwickelnden Vernunft, wie Herder in seinen 1791 beendeten --und vielleicht von Vico beeinflussten-- "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" zu belegen versucht. Eine reine Vernunft ohne Sprache ist wie die Transzendentalphilosophie insgesamt für ihn nur eine "gigantische Fiktion". Mit dieser Auffassung stellt er sich gegen das apriorische Denken von Kant und führt bereits vor Hegel den zweckgerichteten Entwicklungs- und damit Fortschrittsgedanken in das Geschichtsdenken ein. Diese Sicht geht jedoch weniger von einem Telos als von dem unwiederholbaren Eigenwert einer jeglichen Kultur und deren besonderen "Volksgeist" aus. Wenn Herder hierzu als Anthropologe den Einfluss von Klima, Geologie und Tradition auf die Entwicklung einzelner Nationen untersucht, will er auch den Nachweis bringen, dass die Vernunft selbst ein Teil der historischen Welt des Menschen ist. Wo Voltaire die Geschichte aus der Vernunft heraus erklärt, bindet Herder sie also wieder an die Kultur. Stärker als Hamann betont er auch den historischen Charakter der Sprache selbst, so dass der Mensch seinem Wesen nach geschichtlich zu sehen ist. Kritisch bis stark ablehnend begegnet er dem optimistischen Geist der Aufklärung, da er in ihm eine reine Selbstüberschätzung und die Gefahr einer Verabsolutierung, d.h. eines Ethnozentrismus von kulturellen Werten sieht. Bei ihm verbindet sich erst mit dem Eigenwert einer jeden Kultur die Vorstellung vom geschichtlichen Fortgang in eine notwendige Humanität. Diese wird aber nicht wie bei Kant und Wolff als Gemeinwohl verstanden, sondern an die freie, nicht mehr in verschiedenen Vermögen, d.h. Fähigkeiten aufzuspaltende Entfaltung der Individuen gebunden ist. Nach dem Besuch der Lateinschule arbeitet Herder zunächst als Kopist bei einem Diakon und lernt so schon früh die antike und zeitgenössische Literatur kennen. Ohne die Erlaubnis seiner Eltern beginnt er 1762 in Königsberg Theologie zu studieren. Hier hört er auch kostenlos Vorlesungen bei Kant und befreundet sich mit Hamann, der ihm zwei Jahre später eine Stelle als Prediger und Lehrer in der Domschule in Riga vermittelt. Überraschend verlässt er 1769 die Stadt und macht eine Schiffsreise nach Frankreich, wo er in Paris Diderot kennenlernt. In Hamburg trifft er auf Lessing und in Strassburg auf Goethe. 1771 wird seine in dieser Zeit geschriebene "Abhandlung über den Ursprung der Sprachen" als Beitrag auf eine von der Berliner Akademie ausgeschriebene Preisfrage ausgezeichnet. Wenig später entstehen sein Traktat "Auch eine Philosophie zur Geschichte der Bildung der Menschheit" und die Volksliedersammlung "Stimmen der Völker in Liedern". Durch die Vermittlung von Goethe erhält er nach einer Stelle als Hofprediger in Bückeburg den Posten des Generalsuperintendenten im Oberkonsistorium Weimar. Nach einer Italienreise gerät er in den Bann der Französischen Revolution, die ihn jedoch bald enttäuscht. Krank und vereinsamt führt Herder in seinen letzten Lebensjahren mit seiner 1799 publizierten zweibändigen "Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft" (freilich beeinflusst von Hamanns Gedanken der Metakritik) und 1800 in der Schrift "Kalligone" einen Kampf gegen die Philosophie Kants. In seinen letzten Veröffentlichungen erteilt er auch der Dichtung Goethes und Schillers eine Absage. |