| Michel Henry (1922-2002) |
| Als sich mit
Foucault und
Derrida der Poststrukturalismus in Frankreich entwickelt, begründet Henry
seine mystisch- materialistische Lebensphänomenologie, in der er von einer Inkarnation des Geistes, dem leiblichen
Fleischsein ausgeht. Dabei orientiert er sich nicht mehr wie
Merleau-Ponty an einer sichtbaren Leiblichkeit, sondern an der
originären Bedingung des Lebendigseins, das sich die klassische Phänomenologie durch die Wesensschau verstellt
hat. Sich in dieser Weise radikal von
Husserls erkenntnistheoretischen Idealismus abkoppelnd, wird das Leben weniger
als eine Erscheinung, sondern in seinem Erscheinen --auch im Gegensatz zu Hegels dialektischen Erscheinungsbegriff--
als eine rein immanente Selbstbezüglichkeit begriffen. D.h. der Leib ist nicht mehr im Bezug zum in der Welt-sein,
sondern vom Leben selbst her zu verstehen.
Henry definiert in radikaler Weise den Menschen mit seinem Ich als Fleisch (chair), das als Substrat der Welt alles durchzieht. Jedes Transzendierende muss sich selbst affizieren, um sich als Bewusstsein oder als Intentionalität zu begreifen --wie auch jedes Gefühl (affekt) sich erst seiner selbst gewiss ist, wenn es sich in seinem Vollzug erfährt. Während Levinas und Merleau-Ponty noch auf den Anderen bei der Erfahrung der Selbstheit insistieren, lehnt Henry eine solche Reversibilität ab. Für ihn ist in der Selbstheit ("Ipsität") das Ich potentiell der berührte und zugleich berührende Körper. Wenn er sich in seinem Buch "Eine Philosophie des Fleisches" grundlegend auf die christliche Offenbarung im Johannes-Evangelium ("Und das Wort ist Fleisch geworden") bezieht, leitet er in der Phänomenologie eine theologische Wende ein. Er stellt den von Nietzsche erhobenen Vorwurf der Leibverachtung des Christentums in Frage und will gleichfalls die Cartesianische Subjektivität rehabilitieren, indem er ihr indirekt ein sinnliches Fundament unterstellt. Denn Descartes leitet für Henry eine Umkehr nach der von Galilei eröffneten Reduktion der Welt auf eine Geometrisierung ein, da er von der Evidenz der Selbsterfahrung, d.h. genau genommen von der Täuschung seines körperlichen Daseins ausgeht. Die "E-videnz" ersetzt für ihn hier augenscheinlich das abstrakte- rationale Argument durch die Überzeugungskraft des sinnlich Erfahrbaren. Henry erhält 1945 die Agrégation für Philosophie in Paris und ist bis 1987 Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an der Universität Montpellier. Er schreibt einige Romane, veröffentlicht 1976 eine Interpretation zu Marx und 1985 eine Genealogie der Psychoanalyse. Seine erste philosophische Arbeit "Das Wesen der Erscheinung - L'essence de la manifestation", in der er den Gedanken der Selbst- Affizierung primär vorstellt, erscheint 1963 in zwei Bänden. 1990 publiziert er seine "Phénoménologie matérièlle". |