| Martin Heidegger (1889-1976) |
| Mit Heidegger rückt nach einer von Kant geprägten Bewusstseins- Philosophie wieder
die Frage nach dem Sein in den Mittelpunkt der Philosophie. Genaugenommen die in Vergessenheit geratene Frage nach dem
Sinn von einem Sein in einer ontisch- ontologische Differenz. Da Heidegger von einer unsagbaren Faktizität, nur
von einer metaphorischen Annäherung an das Sein ausgeht, entwickelt er keine Erkenntnistheorie oder Meta- Theorie,
sondern wählt einen "Denkweg" (manchmal auch "Holzweg"), mit dem das Bedeutete nicht mehr in Begriffen aufgeht
und sogar kreuzweise durchgestrichen wird (so 1954 in der Festschrift zu Ernst Jünger "Über die Linie" ).
Heidegger bedient sich dabei Methoden der Phänomenologie und der Hermeneutik, um sie auch wieder zu überwinden,
und nicht zuletzt einer über- interpretierenden Übersetzung historischer Quellen (wie alétheia als
Unverborgenheit), was ihm bis heute zahlreiche Vorwürfe einträgt.
Während das systematisch angelegte, aber Fragment gebliebene Werk "Sein und Zeit" in Anlehnung an das praktische Wissen von Aristoteles (oder im Sinne des Pragmatismus) methodisch auf den Fragenden, dem es in seinem Sein um eben das Sein selbst geht, verweist, also noch einen subjektphilosophischen Ansatz bemüht, verschiebt sich später diese Perspektive. Mit seiner Kehre distanziert sich Heidegger davon, über das Dasein als ausgezeichnete Weise des Seienden einen Zugang zum Sein zu eröffnen. Wie Jaspers lehnt er nun die Husserlsche Wende zum transzendalen Ich als jenseitige Instanz ab. In den Mittelpunkt rückt dafür ein unvordenkliche Sein, d.h. das Geschick des Seins. Dem entsprechend versteht Heidegger die Zeit nicht mehr als Temporalität des Daseins, sondern als das Geschick der Seins- Geschichte, derzufolge die Wahrheit in unterschiedenen historischen Phasen jeweils anders zum Tragen kommt (oder einfach weltet). So bricht er rigoros mit einer Metaphysik, die das Sein als das beständig anwesende und unwandelbare Eine ausweist. Durch Hölderlin angeregt, beginnt er sich in den 30er Jahren mit der Sprache und den Anfängen des Denkens zu beschäftigen. In der Dichtung steht für ihn das Wort nicht in einem funktionalen Kontext, sondern stellt ein Ereignis, ein Sich- ablösen von aller Gegenständlichkeit dar, aus dem die Wahrheit des Seins bereits durch die Sprache selbst deutlich wird. Mit dieser Neubesinnung rücken anstelle von Aristoteles die Vorsokratiker in den Mittelpunkt seines Interesses. Heidegger geht mit dieser Perspektive von einem "Sich-ins-Werk- Setzen" der Wahrheit aus. Die Kunst wird allgemein als ein Ursprung- Denken, das eine Welt eröffnet, als eine Stiftung und in Form des geschichtlichen Waltens der Wahrheit verstanden. Ähnlich betrachtet er die Architektur, die sich dem Gefühl der Heimatlosigkeit stellt und einen offenen, heterogenen Raum denkt. Exemplarisch preist er dazu den Schwarzwaldhof, der im Gegensatz zum modernen, technologischen Bauen einen Ort des Einklangs mit der kosmischen Ordnung schaffen kann. In Nietzsche sieht Heidegger den Endpunkt der metaphysischen Entwicklung erreicht, nicht jedoch deren angestrebte Überwindung. In dem sich selbst zur Macht ermächtigenden Willen erhebt sich für ihn einzig ein Beweger alles Seienden, so wie sich in der zweckrationalen Vergegenständlichung und Unterwerfung mit der neuzeitlichen Technik nicht der von Sein gestiftete Sinn zeigen kann. In dieser Betrachtung ist 1949/50 während der Vorträge "Die Frage nach der Technik" und die "Die Kehre" von einem Entbergen des Seienden --aber nicht des Seins-- die Rede, mit dem (mit Blick auf die Atomtechnologie) eine Gefahr verbunden ist. Wenn der Mensch das Wirkliche mit der Technik in einen plan- und vernutzbaren "Bestand" bestellt, dann stellt bzw. fordert er die Natur heraus. Und wird ebenso herausgefordert, da Heidegger im "Gestell", dem Wesen der Technik, ebenso die Chance der Rettung, d.h. eine neue Ankunft des Seins sieht. Die Metaphysik erreicht mit diesem Moment für ihn ihre Vollendung, da sie mit der Möglichkeit einer Kehre überwunden werden kann. Indem Heidegger das In-der-Welt-Sein an den Kierkegaardschen Begriff der Angst und allgemein an eine Grundverfassung der Sorge koppelt, kann der auf sein Selbst zurückgeworfene Mensch sich in einem offenen Verständnis- Horizont erfahren. Doch mit der Unterscheidung zwischen Eigentlichkeit und Verfallenheit an die Alltäglichkeit des "Man" zeigt er auch, dass die Freiheit des Sich-selbst-wählens in der hölderlinschen Struktur des "Geviert" (zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und Menschlichen) als Mündigkeit selbst zu ergreifen ist. Nur bleibt dieses Man als ein Existential ohne jeden gesellschaftlichen Bezug, auch wenn im "Mitsein mit Anderen" ein soziales Umfeld angedeutet wird. Denn trotz seiner fundamentalen Kritik an der Moderne hat sich Heidegger kaum mit gesellschaftlichen Prozessen --gerade in der Nazi- Zeit-- auseinandersetzt. Sein Denken entspringt vielmehr aus der Analyse eines durchschnittlichen Daseins mit Beispielen aus einer vorindustriellen Zeit. Er selbst sieht sein Philosophieren weder als theoretisches noch praktisches Denken, sondern als etwas, das sich vor dieser Unterscheidung ereignet --als ein reines Andenken an das Sein. Diesen Anspruch trägt er stets mit einem insistierend angriffslustigen Gestus vor, als eine Generalanklage gegen das metaphysische Denken und deren Tradition. So liest er 1956 während eines Vortrages in Bremen (und später an der Universität Wien) die tradierte Vorstellung, dass alles einen Grund hat (nihil est sine ratione) frappierend anders: dass Nichts ist ohne Grund, d.h. alles ist in sich selbst different. Mit solchen Ansätzen kann er der Philosophie gegenüber einer Wissenschaft, die für ihn nur das Seiende mit einem weiteren, höchsten Seienden immer wieder neu begründet --und damit nicht denkt-- ein Selbstvertrauen zurückgeben. Direkt oder indirekt hat Heidegger zahlreiche Philosophen beeinflusst. Gadamer übernimmt für seine Hermeneutik die existentiale "Vorstruktur des Verstehens" aus "Sein und Zeit". Der französische Existentialismus um Sartre und Camus wird von Heidegger ebenso stark geprägt wie die postmoderne und poststrukturalistische Philosophie, insbesondere bei Derrida, der Heidegger wiederum modernisiert. Mit seinem Begriff der Eigentlichkeit und seinem Unbehagen an einer subjektzentrierten Vernunft, die versinnbildlicht durch die moderne Technik auf eine totale Verfügbarkeit zielt, hat Heidegger die Grundlagen für eine Zivilisations- und Kulturkritik gelegt, die später von der kritischen Theorie und Philosophen wie Jonas eigenständig weiterformuliert wird. Als Sohn eines Messners wächst Heidegger im badischen Messkirch auf und studiert, um Priester zu werden, in Freiburg zunächst katholische Theologie. Nach einem Herzleiden wechselt er 1911 an die mathematisch- naturwissenschaftliche Fakultät und beginnt, Philosophie- Vorlesungen zu besuchen. Zwei Jahre später promoviert er über "Die Lehre vom Urteil im Psychologismus" und habilitiert sich danach bei Heinrich Rickert mit der Arbeit "Die Kategorien und Bedeutungslehre des Duns Scotus". Geprägt von der neukantischen Orientierung der südwestdeutschen Schule ist er zunächst von der Idee einer reinen Logik fasziniert, interessiert sich dann aber stärker für Husserl, bei dem er nach einem eingeschränkten Militärdienst im Ersten Weltkrieg ab 1919 als Assistent in Freiburg arbeitet. In dieser Zeit befreundet er sich mit Jaspers und Bultmann. 1922 baut er seine Hütte im Schwarzwald bei Todtnauberg, in die er sich bis zu seinem Lebensende immer wieder zurückzieht. In Marburg bekommt er 1923 eine ausserordentliche Professur und veröffentlicht vier Jahre danach "Sein und Zeit". 1928 wird er nach Freiburg berufen, wo er als Nachfolger von Husserl Institutsdirektor wird. In dieser Zeit beschäftigt er sich intensiv mit Nietzsche und veröffentlicht 1929 seinen Aufsatz "Kant und das Problem der Metaphysik". Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Heidegger zum Rektor der Freiburger Uni gewählt und kurz danach Mitglied der NSDAP. In seiner Antrittsrede "Die Selbstbehauptung der deutschen Universität" versucht er, die Philosophie in ein Verhältnis zur Politik zu setzen, indem er Parallelen zwischen dem Dienst des Gelehrten und dem Dienst des Soldaten im Heer sowie des Arbeiters in der Industrie zieht. Bereits 1934 gibt er das Rektorat wieder ab und beginnt im Sommersemester, anstelle der geplanten Vorlesung "Der Staat und die Wissenschaft" über "Logik als die Frage nach dem Wesen der Sprache" zu referieren. Mit dem Parteiabzeichen reist er noch 1936 nach Rom. In der Nachkriegszeit wird ihm, da er sich selbst weigert, eine politische Stellungnahme abzugeben, von der französischen Besatzungsbehörde die Lehrbefugnis entzogen. 1945 hat auch auf seinem Wunsch Jaspers ein Gutachten für die Freiberger "Bereinigungskommission" erstellt, in dem er Heidegger für den Nationalsozialismus mitverantwortlich macht und dafür plädiert, ihn von seinem Lehramt zu suspendieren. In seinem berühmten "Brief über den Humanismus" interpretiert Heidegger 1947 sein Fragment gebliebenes Hauptwerk "Sein und Zeit" und erteilt dem Humanismus als einem zutiefst metaphysischen Denken eine klare Absage. Als 1950 das Lehrverbot aufgehoben wird, hält er bis 1967 Seminare für einen kleinen Kreis von Hörern in Freiburg. In dieser Zeit entsteht auch anlässlich eines Vortrages zum 500jährigen Jubiläum der Uni Freiburg seine Schrift "Identität und Differenz". |