Félix Guattari (1930-1992)
Als Psychoanalytiker verbindet Guattari menschliche Wunsch(Phantasie)- prozesse direkt mit den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen. Er geht von einer Vielfalt von ökonomischen, technologischen und semiotischen Strömen aus und begreift --über Wilhelm Reich hinausgehend-- das gesellschaftliche Sein fundamental als eine soziale Konfiguration des Unbewussten. Ein politisches System kann man für ihn nicht nur in Funktionen von Macht und Rationalität erfassen, sondern erst aus "libidinösen" Dimension und deren Codierungen verstehen. Im Kapitalismus werden für Guattari erstmals Subjekte radikal in einem Prozess der Deterritorialisierung aus mythisch- religiösen und feudalen sowie nationalen Zusammenhängen freigesetzt bzw. decodiert. Die damit erzeugte Energie wird jedoch sofort wieder integriert, d.h. reterritorialisert, um den Bestand der Herrschaft, das System an sich zu erhalten. Damit ergibt sich eine Ökonomie, die dazu neigt, das Begehren für die Selbstkontrolle zu individualisieren bzw. zu dezentralisieren, um kollektive Abhängigkeiten zu schaffen.
  Ausgehend von seinen Analysen zur 68er-Bewegung sieht Guattari in einer Hinwendung zum Unbewussten wieder eine Perspektive für revolutionäre Bewegungen. Erst wenn Gruppen zum Träger ihrer eigenen Wünsche werden und nicht mehr in einer Vereinheitlichung und Selbstunterwerfung aufgehen, kann von einer Emanzipation ausgegangen werden. Deshalb ist für ihn das Subjekt nicht mehr an eine individuelle wie kollektive Einheit gebunden, sondern stellt sich in mehrdimensionalen, mannigfaltigen und rasch wechselnden Bezügen dar. Aus einem Ich wird ein "Ich bin viele", wenn Ströme in situativen Verkettungen von Dingen, Identifizierungen, Stimmen und Stimmungen die Individualität durchziehen. Mit dem im "Anti-Ödipus" zusammen mit Deleuze entworfenen Konzepten der Wunschmaschine und molekularen Wunschökonomie wird in diesem Sinne eine revolutionäre Überschreitung des Kapitalismus angestrebt.
  Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist ein libidinös- schizoider Wunschstrom, mit dem sich Fluchtlinien durch die Netze des Kapitalismus bahnen lassen. Wenn auf diese Weise das gesellschaftliche Feld neu besetzt und revolutionär umdefiniert wird, können festgefügte Formen der Subjektivierung, d.h. die repressive Einordnung in ein Herrschaftssystem überwunden werden. Mit diesem Anspruch verbindet sich für Guattari wie für Deleuze auch eine rigorose Gegnerschaft zur Psychoanalyse von Lacan und Freud. Der Zustand des Mangels, d.h. der Kastration, mit dem ein permanentes Verdrängen und Opfern des Wunsches einhergeht, kann für sie beendet werden, wenn ein reales Begehren sich gegen die symbolische Repräsentation des Wunsches durchsetzt. Der Wunsch ist dann nicht mehr Begierde nach Etwas, sondern Freisetzung eines realen Fliessens.
  Guattari ist nach einem Pharmazie- und Philosophiestudium als ein Lacan- Schüler zur Psychoanalyse gekommen. Seit 1953 arbeitet er an der alternativen Klinik "La Borde" bei Cour- Cheverney. Hier versucht er, innerhalb der Anti- Psychiatriebewegung grundlegende Reformen durchzusetzen. Im Gegensatz zu den damals üblichen geschlossenen Anstalt, die Guattari mit einem Gefängnis vergleicht, kann er mit anderen Mitstreitern in "La Borde" eine Organisation von sich selbstverwaltenden (molekularen) Kollektiven aufbauen.