| André Glucksmann (1937) |
| Mit seiner vehementen Kritik am totalitaristischen Denken entwirft Glucksmann eine ethische
Vorstellung, die per se von einer Mitverantwortung am absolut Bösen ausgeht. Dabei gefällt er sich in der
Pose eines Mahners, der sich für so humanistische Werte wie Freiheit und Gleichheit einsetzt und gegen die
Dummheit von rechten wie linken Ideologien argumentiert. Eine Gefahr sieht er nach Solschenizyns Archipel Gulag in
jedem politischen Anspruch, unter denen Menschen im Namen der Freiheit ihre Mündigkeit verlieren und die
Vorschrift eines richtigen Bewusstseins akzeptieren sollen. Deshalb ist für ihn der Totalitarismus nicht mehr wie bei
Hannah Arendt an einzelne Diktatoren gebunden, sondern --wie er besonders in seinem 1985 erschienenen Buch "Die Macht
der Dummheit" zu belegen versucht-- auf ein Fehlen der kantschen Urteilskraft zurückzuführen.
Wenn Glucksmann von einer Macht der Dummheit als ein grundlegendes philosophisches Problem ausgeht, will er wie schon Erasmus von Rotterdam vor menschliche Unzulänglichkeiten warnen. Das Denken der Philosophie hat für ihn die praktische Aufgabe, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln, das sich weniger auf akademische Fragen konzentriert, sondern auf Strukturen der Gewalt reagiert. In diesem Sinne sieht er in der europäischen Philosophie in erster Linie einen traditionell anti-ideologischen und freiheitlichen Anspruch, wie er beispielhaft von Montaigne verkörpert wird. Im Gegensatz dazu stehen für ihn totalitäre Weltbilder bei Platon, Hegel, Marx und sogar Nietzsche. Glucksmann, der als Sohn deutsch-jüdischer Emigranten in Boulogne-sur-Mer aufwächst, engagiert sich bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn für den Marxismus. Nach seiner Kritik an dieser Intervention wird er von der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Die pessimistischen Erfahrungen der Studentenbewegung und die Konfrontation mit der kommunistischen Wirklichkeit verarbeitet er --im Gegensatz zu Sartre, der am Marxismus als einen "unüberschreitbaren Horizont" noch festhält -- zu einer radikalen Totalitarismus- und Utopiekritik, aus der die Bewegung der "Nouveaux philosophese" hervorgeht. In seiner emphatisch anklagenden Schrift "Köchin und Menschenfresser" mahnt er, aus der Existenz sowjetischer Vernichtungslager ideologiekritische Konsequenzen zu ziehen. Bis zum Ende der 60er Jahre arbeitet er als Publizist und erhält später eine Professur an der Pariser Sorbonne. Der Öffentlichkeit wirft er in zahlreichen Artikeln eine Blindheit gegenüber Gewalt- Regimen vor. Deshalb befürwortet er 1999 das Nato-Bombardement auf die Republik Jugoslawien und geisselt bis heute wegen dem brutalen Krieg gegen die Bevölkerung in Tschetschenien den "Schurkenstaat" Russland. |