| Ernst von Glasersfeld (1917) |
| Gegen die Vorstellung von einer Objektivität entwickelt Glasersfeld mit dem radikalen
Konstruktivismus die These von einer zweckorientierten Anpassung. Für ihn gibt es keine ontologische Realität
und in Anlehnung an die antiken Skeptiker, Berkeley, Bentham, Kant und Vaihinger keine Möglichkeit die Dinge an
sich sowie die Realität der anderen zu erfahren. Da jeder Versuch, die konkrete Wirklichkeit allgemein zu
bestimmen, für ihn in einem Zirkelschluss ende, könne nur von einer unhintergehbaren Subjektivität
ausgegangen werden. Wie auch bei
Heinz von Foerster wird jedem Subjekt nur eine eigene
Realität zugestanden, aber ein kognitiver Subjektivismus bzw. epistemischer Solipsismus abgelehnt.
Mit dem Wissen der modernen Neurobiologie und seinem kybernetischen Verständnis postuliert Glasersfeld analog zu Maturana und Varela eine operational geschlossene Informationsverarbeitung im Gehirn. Für ihn werden Eindrücke aus der Umwelt nicht passiv aufgenommen, sondern führen nur indirekt zu neuen neuronalen und damit mentalen Vernetzungen. Genau genommen zu Adaptionen, die sich, anstatt auf die Realität zu beziehen, für die Organisation der Erfahrungswelt nur eigene Strukturen (vergleichbar den Mustern in der Sprache) aufbauen. Von aussen dringt lediglich das ein, was aufgrund selbstbezüglicher Dispositionen wahrnehmbar ist. Dementsprechend stellen Widersprüche lediglich Perturbationen (Störungen) im Gehirn dar und führen dazu, dass mentale Vernetzungen neu konstruiert (akkomodiert) werden. Daraus ergibt sich für Glasersfeld ein Wahrheitsbegriff, der von einer Viabilität, im Sinne des Überlebens erfolgreicher Realitäts- Konstruktionen ausgeht. Da es zwischen der Erkenntnis und der Wirklichkeit keine Perspektive gibt, kann jeder Abbildtheorie, die eine mentale Übereinstimmung mit einer absoluten Wirklichkeit anstrebt, eine Absage erteilt werden. Mit seinem radikalen Konstruktivismus (in Abgrenzung zu andere Spielarten des Konstruktivismus) verbindet Glasersfeld auch ethische Vorstellungen, die sich an der Tradition der Aufklärung orientieren (vorallem an Kants Aufforderung, sich aus einer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien). Als Sohn eines österreichischen Diplomatenehepaares verbringt Glasersfeld seine Kindheit in Prag und in einem französischen Internat. Unter diesen Umständen muss er schon früh erkennen, dass der Zugang zur Welt in jeder Muttersprache ein anderer ist (oder wie bei Whorf behauptet: die Struktur des Denkens prägt). In Wien beginnt er, Mathematik zu studieren und arbeitet zeitweise als Skilehrer in Australien. Kurz vor dem Krieg emigriert er mit seiner Frau nach Irland, wo er sich als Farmer niederlässt und sich intensiv mit Berkeley und Vico beschäftigt. Nach dem Krieg zieht die Familie nach Merano in Oberitalien. Dort lernt er den Musiker und Philosophen Silvio Ceccato kennenlernt und übernimmt in der von ihm gegründeten "Italienischen operationistischen Schule" eine Stelle als Übersetzer und Redakteur der Zeitschrift "Methodos". Als Ceccato in Milano das erste "Zentrum für Kybernetik" gründet, um u.a. für die US Air Force maschinelle Übersetzungen zu operationalisieren, wird Glasersfeld sein Forschungsassistent. 1966 ist er bereits Mitglied der American Society for Cybernetics und arbeitet drei Jahre später in der Computerabteilung der "University of Georgia", wo er sich besonders mit der visuellen Wahrnehmung beschäftigen und vorallem mit Piagets genetischer Entwicklungspsychologie auseinandersetzt. 1970 lehrt er auch an dieser Universität als Professor für kognitive Psychologie. In dieser Zeit erforscht er den Spracherwerb von Schimpansen und entwirft zu diesem Zweck die Affensprache "Yerkish". |