| Arnold Gehlen (1904-1976) |
| Aufgrund seiner Instinktarmut muss sich für Gehlen der Mensch zwangsläufig eine
zweite künstliche Welt schaffen. Erst auf diese Weise kann er als das nach
Nietzsche nicht festgestellte Tier seine biologischen Defizite,
die noch durch seine Weltoffenheit, d.h. einer fehlenden Einpassung in ein Lebens- Milieu verstärkt werden,
kompensieren und sich vor der Natur sowie vor den eigenen Aggressionen schützen. Mit dieser Sicht wird deutlich,
dass Gehlen die "Krönung der Evolution" wie schon
Herder als ein Mängelwesen ansieht und primär biologisch
definiert. In seinem 1940 publizierten Buch "Der Mensch" entwirft er die Grundlinien einer elementaren philosophischen
Anthropologie, die nicht mehr wie bei Scheler und Plessner metaphysisch argumentiert, sondern sich ausschliesslich an
empirische Gegebenheiten hält.
Nach seinem Verständnis kann die Gattung Mensch sich zwar mit der Technik die Natur dienstbar machen, Organe entlasten und erweitern, doch erst durch die Kultur gelingt es, einen lebensfähigen Ersatz für die eigenen Defizite zu schaffen. Deshalb lehnt er 1969 in seinem Buch "Moral und Hypermoral" ursprüngliche Triebfedern für ein ethisches Verhalten ab und geht stattdessen von einem "ethischen Pluralismus" aus, der so unterschiedliche Verankerungen wie ein instinktgestütztes Verhalten, die verpflichtende Menschenliebe oder den Verantwortungsethos der staatlichen Institutionen vereint. Einen universell ethischen Anspruch für alle Bereiche des Lebens, wie er von Voltaire und auch Kant gefordert wird, hält Gehlen hingegen für gefährlich, da er reines Wunschdenken bleibe und keine verpflichtende Kraft habe. Er lehnt jede Weltanschauung ab, die als "Humanitarismus" die Staatsmacht an sich verteufelt und so einen verbindlichen Ethos aufgibt. Für ihn darf es keine "Vernatürlichung" rsp. kein "Back to Nature" wie bei Rousseau, sondern immer nur ein "Zurück zur Kultur" geben. Dennoch sieht Gehlen in der Tendenz zur Entqualifizierung der Arbeit, zur Entsinnlichung, zur Verrechtlichung und einer daraus folgenden Verkomplizierung der politischen Verhältnisse eine Gefahr, die sich in der Moderne gegen das Individuum selbst richtet. In einer erstaunlichen Parallele zu Adorno formuliert er in diesem Zusammenhang eine Kulturkritik, die gleichfalls --nur mit einer anderen Logik und Bewertung-- gesellschaftliche Prozesse für eine Krise verantwortlich macht. Wenn Gehlen in seinem Spätwerk so unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen wie die Soziologie, Psychologie, Verhaltensforschung und Sozialpsychologie vereint, geht er erstmals von einem systemtheoretischen, sich selbst regulierenden Mechanismen aus und interpretiert u.a. menschliche Verhaltensweisen als eine "Aussen- Innen- Verschränkung". Sein Schüler Luhmann wird später diese Ansätze weiterentwickeln. Nach einer Ausbildung als Buchhändler studiert Gehlen Philosophie, Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte in seiner Heimatstadt Leipzig. Hier wird er auch während seiner Zeit als Privatdozent am soziologischen Institut Mitglied der NSDAP und sehr bald Professor für Philosophie. Es folgt 1938 ein Ruf nach Königsberg und 1940 nach Wien. Im Zuge der Entnazifizierung leitet man 1947 gegen ihn ein Untersuchungs- verfahren ein. An der neu gegründeten Akademie für Verwaltungswissenschaft in Speyer kann er jedoch im selben Jahr wieder einen Lehrstuhl für Soziologie und Psychologie und später auch an anderen Universitäten übernehmen. Gehlen gilt bald als einer der prominentesten konservativen Denker im Nachkriegsdeutschland. Er kritisiert die linke Emanzipations- Bewegung in den 60er Jahren und sympathisiert gleichzeitig mit dem sowjetischen Truppeneinmarsch in die Tschechoslowakei, da hier für ihn eine institutionelle Grossmacht endlich einem Intellektuellen- Leichtsinn ein Ende setzt. |