Michel Foucault (1926-1984)
Für Foucault ist das Streben nach Wissen das zentrale Prinzip einer Gesellschaft. In seinen historisch- archäologischen Studien zum Wahnsinn, zum Strafen und allgemein zu den Humanwissenschaften erarbeitet er eine Geschichte der Wahrheit, die in der Moderne den Menschen als Subjekt konstituiert, und entwickelt parallel dazu eine Theorie der Machtpraktiken. So kommt er in Anlehnung an Nietzsche zu der Erkenntnis, dass der Wille zum Wissen sich vorallem aus einem Willen zur Macht ergibt. In dieser Verschränkung versucht Foucault zu klären, wie das zustande kommt, was uns als Wahrheit erscheint. Bei seinen Untersuchungen der wissenschaftlichen Felder Ökonomie, Naturwissenschaft und Linguistik geht er wie Kuhn von den Brüchen, den epochalen Einschnitten aus, die erst einheitliche Diskurse konstituieren und damit grundlegende Ordnungsstrukturen (Episteme) sowie Ausschlusspraktiken in der Wissensstruktur schaffen. Mit dieser Perspektive ist für ihn der Mensch nach der Episteme der Ähnlichkeit in der Renaissance und der Logik der Repräsentation im klassischen Zeitalter nichts anderes als eine vorübergehende diskursive Formation in der wissenschaftlichen Ordnung.
  Im Gegensatz zu Marx sieht Foucault Machtverhältnisse nicht instrumentalisiert und ideologisch zweckbestimmt, sondern als komplexe Beziehungen, die durch Verinnerlichungen hergestellt und reproduziert werden. Nach dem "klassischen Zeitalter" setzt für ihn zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert eine Transformation der Machtformen ein, mit der sich die souveräne Straf-, Verbots- und Gesetzesmacht auf das Leben selbst richtet. Im Ergebnis entsteht daraus eine unscheinbare Technologie: die "Bio-Macht" bzw. "Bio-Politik", die sich (wie in seinen Ende der 1970er Jahren am Collége de France gehaltenen Vorlesungen zur "Geschichte der Gouvernemtalität" erstmals beschrieben) durch eine effiziente Überwachung, Identifizierung und Standardisierung in den menschlichen Körper einschreibt. Eine solche Technologie unterdrückt nicht mehr das Verhalten, sie produziert gekoppelt mit Diskurs- Praktiken vielmehr ein neues. Dies gilt besonders für die Sexualität, die in der abendländischen Zivilisation schon immer in ihrer Problematisierung an die Macht gekoppelt ist und im Beichten des Zur-Sprache-Bringens kontrolliert sowie diszipliniert. Was als Befreiung der Sexualität erscheint, ist daher zugleich eine Form der Kontrolle, die den Menschen umso gefügiger macht, je mehr er sich selbst befragt.
  Wenn Foucault zu den unterschiedlichsten Themen ein Netz von ungleichen und beweglichen Machtbeziehungen in den Mittelpunkt rückt, vollzieht sich bei ihm ein Wandel vom strukturalen Denken zum Poststrukturalismus. Der Begriff der Episteme wird durch den Begriff des Dispositivs ersetzt, um auch nicht- diskursive Praktiken erfassen zu können. Damit gibt es aber für ihn auch kein Ausserhalb und kein autonomes Subjekt der Geschichte mehr. Das Individuum ist das Produkt der Macht, die alles durchdringt, und die Vorstellungen von einem unabhängigen Denken und freien Willen nur noch eine Fiktion. Eine solche Machtanalyse geht nicht mehr von einer Unterdrückung des Menschen aus, die personifiziert bzw. institutionalisiert von "oben" wirkt. Sondern sie setzt eine Spaltung voraus, mit der das Subjekt zum selbstbewussten Träger und zugleich zum Widerpart der Macht wird. Insofern ist die Frage nach dem durch Macht geschaffenen Individuen nicht zu trennen von der Frage nach dem Widerstand gegen diese Macht.
  Trotz eines diskontinuierlich theoretischen Experimentierens bleibt Foucault ein Leben lang dieser These von einer "Mikrophysik" der Macht treu. Eine solche Macht kann für ihn mit dem Hang zum Ausschliessen durch Einschlissen in ihren historischen Veränderungen weder auf eine übergeordnete Logik noch einer dahinterliegenden Rationalität zurückgeführt werden. Foucault entwickelt vielleicht daher keine Theorie zu einer Praxis des Widerstandes, sondern ist vielmehr bestrebt die Dualität von Theorie und Praxis aufzugeben.
  In seinem Spätwerk, dem zweiten Band von "Histoire de la Sexualité", steht dem Ende des Subjekts aber ein Interesse an einer Lebenskunst gegenüber, die wieder von einer Subjektinstanz ausgeht. Foucault, der seine Philosophie immer in engem Bezug zur politischen Praxis und emanzipatorischen Bewegungen entwickelt, sieht sich zu dieser --leider wenig überzeugenden Wende-- wohl gezwungen. Mit seiner Neuschöpfung muss das Individuum nun durch die Macht selbst hindurch, d.h. sich selbstbeherrschen, um über sie hinauszugelangen.
  Als Sohn eines Arztes wächst Foucault in der Stadt Poitiers auf. Nachdem er einige renommierte Schulen besucht, beginnt er 1946 nach einem verpatzten Aufnahmetest an der Elite-Uni "École normale supérieure" Philosophie und Psychologie zu studieren. Er begeistert sich in dieser Zeit für Merleau-Ponty und für seinen Lehrer Althusser. 1949 beendet er seine Diplomarbeit über Hegel und erlangt trotz persönlicher Krisen (und zweier Suizid- Versuche) auch einen Abschluss als Psychologe und Psychopathologe. Für zwei Jahre wird er Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs und legt 1954 seine ersten wissenschaftlichen Arbeiten vor: "Die Einleitung zu Traum und Existenz von Ludwig Binswanger" sowie das Buch "Geisteskrankheit und Persönlichkeit" (bei Suhrkamp später unter dem Titel "Psychologie und Geisteskrankheit" erschienen). In dieser Zeit beschäftigt er sich intensiv mit Nietzsche, Heidegger und Freud. Nach seiner Assistentenzeit an der "école normale" in Lille, übernimmt Foucault bis 1958 die Leitung des "Maison de France" im schwedischen Uppsala und danach jeweils ein Jahr die Direktion des "Centre Français" in Warschau und in Hamburg. In Paris schliesst er die Arbeiten an "Wahnsinn und Gesellschaft - Folie et déraison; histoire de la folie à l'âge classique." ab, in denen er nachweist, dass Vernunft und Unvernunft untrennbar aneinander gebunden sind. 1961 promoviert er mit dieser Arbeit, nachdem er nach einigen Ablehnungen bereits eine zweite 'Dissertation "Genese und Struktur der Anthropologie Kants" geschrieben hat. Bis 1966 hält er Vorlesungen an der "Faculté des Lettres" (Philosophie) und wird Direktor am "Département de Philosophie" an der Université Clermont-Ferrand. In dieser Zeit lernt er den jungen Philosophiestudenten Daniel Defert kennen, der bis zu seinem Tod sein Lebensgefährte bleiben wird. 1963 veröffentlicht er "Die Geburt der Klinik - Naissance de la Clinique", um bereits hier einige seiner Kernthesen zu den Humanwissenschaften zu formulieren. Drei Jahre später erscheint sein Buch "Die Ordnung der Dinge -Les Mots et les choses", das nicht nur in Frankreich grosse Diskussionen auslöst. Noch im gleichen Jahr verlässt Foucault Paris, um Daniel Defert nach Tunis zu folgen, wo er bis 1968 eine Gastprofessor für Philosophie übernimmt. Wieder in Paris angekommen, engagiert er sich erstmals wieder nach seinem Austritt aus der KPF politisch. Als Mitglied der G.I.P. (Groupe d'Information sur les Prisons) beginnt er das Strafsystem in seiner Gesamtheit zu analysieren. Seine Erfahrungen und Aktivitäten in dieser Zeit der politischen Umbrüche schlagen sich 1974 seinem Werk "Überwachen und Strafen - Surveiller et punir. La naissance de la prison" nieder. Nachdem er zwei Jahre die philosophische Fakultät am Pariser "Centre universitaire expérimental de Vincennes" leitet, wird er 1970 Professor an dem eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl Geschichte der Denksysteme am "Collége de France" und hält dort seine berühmte Antrittsvorlesung "L'ordre du discours -Die Ordnung des Diskurses". Schon 1969 erscheint sein Buch "Die Archäologie des Wissens - L'Archéologie du savoir", in dem er sich auch mit den Gefahren des eigenen Diskurses beschäftigt. Bis zu seinem Tod (infolge einer HIV- Infektion) bleibt Foucault Dozent am "Collége de France", zwischenzeitlich hält er auch Vorträge in den USA und reist nach Japan, in den Iran und nach Polen, um hier Kontakt mit der verbotenen Gewerkschaft Solidarnosc aufzunehmen.