Heinz von Foerster (1911-2002)
Da jeder Erkenntnis ein Konstruktionsprozess zugrunde liegt, wird die Wirklichkeit für Heinz von Foerster nicht gefunden, sondern operativ erfunden - ergo unsere Umwelt zu unserer Erfindung. Diese Grundannahme verweist in der Konsequenz für ihn auf einen nie abzuschliessenden Vorgang, einen unendlichen Zirkel, in dem eine erkannte Sache immer wieder neu zu erkennen bleibt. Dahinter steht --wie schon im Rahmen des radikalen Konstruktivismus bei Glasersfeld angelegt-- das Konzept einer Kybernetik zweiter Ordnung, die nicht mehr von einfachen Regel- Zusammenhängen ausgeht, sondern von einem Beobachten von Beobachtungen, dem Verstehen des Verstehens bzw. dem Lernen des Lernens. Wobei die dabei vollzogenen rekursiven Operationen zu Resultaten führen, die kein Abbild einer objektiven Welt liefern, sondern als eigene "Koordination" einzig auf den Beobachtungs- Prozess selbst verweisen. Für die Soziologie wird von Luhmann bald dieser Ansatz aufgegriffen und mit dem Begriff der Selbstorganisation ausgebaut.
  Für Foerster stellt ein solcher Zirkelschluss keinen Beweis an sich dar, sondern vielmehr die Aufforderung, kreativ mit dem erkenntnistheoretischen Paradox umzugehen, da Erkennen nicht anders als durch Erkanntes fundiert werden kann. Daraus leitet er mit Thesen des Entwicklungspsychologen Jean Piaget eine ethische Vorstellung ab, die von ihm im Begriff einer KybernEthik (als eine Semiotik, Informatik, Systemtheorie, Spieltheorie und Dekonstruktion umfassende transdisziplinäre Supertheorie) festgehalten wird und das Wissen als ein Gewissen verstehen will. Wenn mit der Konstruktion von Wirklichkeit eine metaphysische Begründung entfällt, muss der einzelne Mensch die volle Verantwortung für eine Welt übernehmen. Er muss erkennen, dass er seine Umwelt strukturiert, wenn er sie beobachtet, um dem Rauschen des Universums einen Sinn abzugewinnen.
  Mit dem Prinzip Verantwortung verbindet Foerster auch seine Vorstellung von trivialen und nicht- trivialen Maschinen, die sich auf den Mathematiker Alan Turing beziehen. Es geht dabei um die Input- Output- Beziehung, die durch den internen Zustand geregelt werden. Im trivialen Sinne sind solche Relationen voraussagbar, bei einer nicht- trivialen Maschine hängen sie jedoch von veränderbaren Transformationsregeln, z.B. dem Lernprozess ab. Auf den Menschen übertragen, bedeutet eine Trivialisierung dann die Blockierung der Entwicklung eines unabhängigen Denkens und die Belohnung von vorschriftsmässigem, also voraussagbarem Verhalten. Um dem entgegenzusteuern, wäre es für Foerster im sozialen System notwendig, stets so zu handeln, dass die Zahl der eigenen Wahlmöglichkeiten wächst. Da nur unentscheidbare Fragen entscheidbar sind.
  Während des ersten Weltkrieges wächst Foerster in seiner Geburtsstadt Wien bei seiner Mutter auf, die als bildende Künstlerin in Kreisen der Avantgarde verkehrt. Seinen Vater lernt er erst kennen, als dieser aus einer jahrelangen Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Nach einem mässigen Schulabschluss beginnt er 1930 an der Technischen Hochschule in Wien in dem neu eingerichteten Fach "Technische Physik" zu studieren und besucht auch bald --nachdem er schon Wittgenstein persönlich kennen gelernt hat-- öffentliche Vorträge des Wiener Kreises. Nach dem Studium arbeitet er in einer Werkstatt für physikalische Apparate und ab 1938 für das Forschungs- Laboratorium von Siemens. Obwohl er als "Mischling zweiten Grades" keinen "Ariernachweis" erbringen kann, zieht er mit seiner Ehefrau vor dem Anschluss Österreichs nach Berlin um und übernimmt hier eine Forschungsarbeit im Bereich der kriegswichtigen Kurzwellen- und Plasmatechnologie. Im Frühjahr 1945 kehrt er nach Österreich zurück und arbeitet als Ingenieur und Wissenschafts- Journalist. Drei Jahre später veröffentlichte er ein Buch über eine quantenmechanische Untersuchung zum Problem der Gedächtnisleistungen. Die Arbeit findet in der Nachkriegszeit kaum Beachtung, eröffnet ihm aber Kontakte zur akademischen Welt in den USA. So erhält er 1949 eine Stelle am Electron Tube Lab der University of Illinois und bald auch eine Professur. Als Sekretär der legendären Macy-Tagungen, wo er u.a. Gregory Bateson, Warren McCulloch, Margaret Mead, John von Neumann und Norbert Wiener kennenlernt, nimmt er eine zentrale Position in der Entwicklung der noch jungen Kybernetik- Wissenschaft ein. In dieser Zeit beschäftigt sich Foerster intensiv mit dem Phänomen der Selbstorganisation und Maschinen- Kommunikation und wird Mitherausgeber der fünfbändigen Enzyklopädie "Kybernetik". 1957 gründet er an der University of Illinois das Biological Computer Laboratorium (BCL), das in den folgenden Jahren für Natur- und Kulturwissenschaftler sowie Künstler (und ebenso dem CIA) zu einem wichtigen Innovationszentrum wird. Unter dem Einfluss der Studentenbewegung können hier trotz einiger Widerstände erstmals erfolgreich neue didaktische Methoden bei der Wissensvermittlung durchgesetzt werden. Mit Hilfe von leistungsschwachen Computern entwickelt man bereits hier Denkmodelle, die zwanzig Jahre später die Kognitions- Forschung im Bereich von "Artificial Life" und parallelen Rechnerarchitekturen bestimmen. Nach seiner Emeritierung zieht Foerster, der sich neben seiner Lehrtätigkeit auch sehr für Computermusik interessiert, 1976 nach Kalifornien und wird zu zahlreichen Vorträgen und Kongressen auch in Europa eingeladen.