| Vilém Flusser (1920-1991) |
| Mit den technischen Versprechungen der elektronischen Medien verbindet sich für Flusser die
Möglichkeit einer vorallem globalen Utopie. Da für ihn in computierten Welten erstmals Menschen geographische
und soziale Hierarchien durch eigene Kompetenzen überwinden können, favorisiert er bereits 1974
die Entwicklung eines weltweiten Computer- Netzes und wird neben
Marshall McLuhan zu einem Visionär der "Digitalen Revolution".
Seine Grundüberzeugung entwickelt Flusser in Anlehnung an das Dialogische Prinzip von Martin Buber, das sich für ihn in der telematischen Informationsgesellschaft verwirklicht, wenn nach der (fascistisch - gebündelten) Einweg- Kommunikation der Massenmedien jeder Mensch gleichzeitig Empfänger und Sender sein kann. Die Universalität und Fernelosigkeit der Kommunikationsnetze erweitern dann die als real empfundene Welt um eine neue, virtuelle Dimension, in der jeder Mensch gleichgestellt ist. Dies wird möglich, da für Flusser die technischen Bilder und Apparate fundamental das Selbstbild sowie die Seinsweise in der Welt verändern. In einem evolutionären Stufen- Modell geht er von einer Entwicklung aus, die von der dreidimensionalen, haptischen Kultur zur zweidimensionalen Welt der Bild- Imaginationen über die Linearität der Texte in eine nulldimensionale der atomaren und komputierbaren Bits mündet. Mit dem Computer wird für ihn der bisher herrschende Code des linearen Alphabets radikal in Frage gestellt und mit der Verbreitung digitaler Bilder die Welt selbst digitalisierbar, also kalkulierbar. Während der Mensch bisher immer gegen die Entropie, also gegen den Informationszerfall und das Vergessen Ordnungen und Strukturen setzt, wenn er Informationen in Gegenstände dauerhaft überträgt, könne er sich mit den elektronischen Medien letztendlich von der Verhaftung an eine gegenständliche Welt befreien. D.h. sich seine platonische Ideenwelt in einem Kosmos von alternativen Welten (nicht mehr in dem globalen Dorf von McLuhan) ständig neu programmieren bzw. erschaffen. Als Sohn einer jüdischen Gelehrtenfamilie besucht Flusser in seiner Heimatstadt Prag die deutsche und tschechische Volksschule. 1938 immatrikuliert er sich an der juridischen Fakultät der Karluniversität. Nach der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten flieht er nach London und setzt hier an der School of Economics sein Studium fort. 1940 emigriert er nach Brasilien und findet in Sao Paulo eine Anstellung bei der tschechischen Import/ Export- Firma seines Schwiegervaters. Bald muss er erfahren, dass fast seine gesamte Familie im Konzentrationslager Theresienstadt umgekommen ist. Er beginnt, nachdem er neben seiner Brotarbeit autodidaktisch seine Philosophiestudien weiterbetrieben hat, 1950 an einem Buchprojekt über die Geistesgeschichte Europas zu arbeiten und veröffentlicht in der Folgezeit einige Manuskripte zu diesem Thema. 1962 wird er Mitglied des Brasilianischen Philosophischen Instituts und bekommt eine Stelle als Dozent für Kommunikationstheorie an die Universität Sao Paulo. Ein Jahr später erscheint sein Buch "Lingua e Realidade - Sprache und Wirklichkeit". 1964 übernimmt er eine Professur für Kommunikationstheorie an der Fakultät für Kommunikation und Geisteswissenschaften der Fundacao A.A. Penteado (FAAP) in Sao Paulo. Er wird Mitglied im Beirat der Kunstbiennale von Sao Paulo, hält Vorlesungen an der Humanistischen Fakultät des Technologischen Instituts für Aeronautik in Sao Josédos Campos und wird von nordamerikanischen sowie zahlreichen europäischen Universitäten zu Vorträgen eingeladen. Ende der 60er Jahre wird es für Flusser aus politischen Gründen immer schwerer, in Brasilien zu unterrichten und zu publizieren, so dass er sich zu einer Übersiedlung nach Europa entschliesst. In der Provence schreibt er an seinem Essay "Für eine Philosophie der Fotografie", der erst 1983 in Deutschland veröffentlicht wird. Vier Jahre später erscheint sein Buch "Hat Schreiben Zukunft?" und eine regelmässige Kolumne in der von Andreas Müller-Pohle herausgegebenen Zeitschrift "European Photographie" sowie im New Yorker Artforum. In dieser Zeit entstehen auch die Manuskripte "Nachgeschichte" und "Vampyrotheuthis infernalis ". Flusser wird zu Medienfestivals wie den "steirischen herbst" in Graz eingeladen und übernimmt ab 1991 eine Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum. Im November verunglückt er während einer Vortragsreise bei einem Verkehrsunfall in Tschechien tödlich und hinterlässt viele Manuskript -Fragmente in englischer, deutscher, französischer und portugiesischer Sprache. |