Ludwig Feuerbach (1820-1895)
Während Hegel den Menschen als ein rein geistiges Wesen ansieht, reduziert ihn Feuerbach wieder auf seine materielle Endlichkeit. Die Religion wird bei ihm --wie die Hoffnung, Furcht und Sehnsucht-- zu einer Verkörperung blosser Empfindungen, mit denen der Mensch seine eigenen Unzulänglichkeiten überwinden und den Glauben an eine Unsterblichkeit erhalten will. D.h. in der religiösen Reflexion spiegele sich nur das menschliche Wesen in sich selbst und wird dabei zum Selbstbewusstsein. Mit solchen Rückschlüssen versucht Feuerbach in seinem 1841 veröffentlichten Buch "Das Wesen des Christentums", schon vor Freud das "offenbare Innere" als "das ausgesprochene Selbst" zu interpretieren.
  Die Umwandelung theologischer Probleme in rein anthropologische hat die Hegelsche Linke um Bruno Bauer und auch Engels tief beeindruckt. Der Mensch wird bei Feuerbach zum Mass aller Dinge und tritt an die Stelle jener transzendenten Mächte, um sie zu ersetzen. Der hegelsche Ansatz von einer sich selbst vermittelnden Ideen- Geschichte, die der historischen Entwicklung der Gesellschaft zugrunde liegt, wird damit aufgegeben. Doch mit der Schwäche, dass der Mensch verabsolutiert und nicht wie bald bei Marx als ein geschichtlich-gesellschaftliches Wesen in Bezug zu seinen sozialen und ökonomischen Verhältnissen gesetzt wird.
  Feuerbach geht es primär darum, die Philosophie auf eine rein materialistische Lebensgrundlage zu stellen. Mit dieser Perspektive hat er seine Gedanken zur Sinnlichkeit und Leiblichkeit entwickelt und gegen das körperlose cartesianische Denken gerichtet. Der Leib des Menschen wird zu einer wirklichen Totalität eines Ich, da der Geist von der Nahrungsaufnahme, dem Fett und Fleisch abhängig bleibt ("Das Sein ist eins mit dem Essen. Man ist, was man isst."). Das Verhältnis von Denken als bisher höchster Erkenntnisleistung und zweitrangigem Empfinden wird umgekehrt, so dass der sinnlichen Vernunft des Leibes das Primat zukommt. Dazu gehören für Feuerbauch am klarsten die sinnlichen Genüsse, die sich wie alle leiblichen Empfindungen in der linearen Struktur der Zeit augenblicklich ereignen.
  Als Sohn des angesehenen Rechtsgelehrten Anselm Feuerbach beginnt er in Heidelberg Theologie zu studieren, wechselt aber nach einem Jahr zur Philosophie und hört in Berlin begeistert Vorlesungen von Hegel. 1828 erlangt er die Promotion mit dem Hegelschen Thema "Die Unendlichkeit, Einheit und Allgemeinheit der Vernunft". Als Privatdozent hält er danach (der in einem Begleitbrief zu seiner Dissertation bei aller Verehrung für Hegel bereits eine eigene Philosophie ankündigt) in Erlangen mit einer deutlichen Kritik am absoluten Idealismus Vorlesungen über die Logik als vernunftbegründete Einheit von Denken und Sein. Seine akademische Karriere findet ein rasches Ende, als bekannt wird, dass er der Verfasser der 1830 anonym erschienen Schrift "Gedanken über den Tod und Unsterblichkeit" ist. Doch kann er sich eine Existenz als Privatgelehrter durch die Heirat mit der Tochter eines Porzellanfabrikanten sichern. Zurückgezogen lebt er nunmehr im Schloss bei Ansbach und schreibt hier nach seinem Aufsatz "Zur Kritik der Hegelschen Philosophie" sein Hauptwerk "Das Wesen des Christentums", das 1841 erscheint und viel Aufsehen erregt. Seine folgenden Arbeiten, wie die 1843 publizierten "Gründsätze der Philosophie der Zukunft" und die 1857 veröffentlichte "Theogonie", in der er seine Religionskritik ausführlich mit antiken, hebräischen und christlichen Quellen belegt, haben nicht mehr diesen Erfolg. Feuerbach, der sich trotz seiner Mitarbeit an den von Arnold Ruge herausgegebenen Berliner und später Hallischen Jahrbüchern nicht als Linkshegelianer sieht und weitestgehend Zuschauer der Unruhen von 1848 bleibt (nur im Heidelberger Rathaus hält er vor Arbeitern und Studenten einen Vortrag über das Wesen der Religion), bemüht sich immer wieder vergeblich um eine Professur oder Anstellung im Ausland. Nach dem Bankrott der Porzellanfabrik muss er 1860 mit seiner Familie in ein Pächterhaus umziehen und verbringt hier verarmt und isoliert seine letzen Lebensjahre. Seine in dieser Zeit entstehenden Arbeiten zur Willensfreiheit und Ethik bleiben Fragmente.