| Gustav Theodor Fechner (1801-1887) |
| Mit seiner Lehre von den quantitativen Beziehungen zwischen geistigen und materiellen
Phänomenen begründet Fechner die Psychophysik und die experimentelle Ästhetik. In Laborversuchen findet
er (anknüpfend an Erkenntnisse des Physiologen Ernst-Heinrich Weber) ein Mass, mit dem sich das Verhältnis
des Psychischen als ein logarithmisches Verhältnis ermitteln lässt. Konkret heisst dies, dass z.B. bei
zehn brennenden Kerzen ein Helligkeitszuwachs erst mit einer elften Kerze wahrgenommen wird und bei hundert Kerzen
erst bei zehn weiteren. Dieses Gesetz war der Durchbruch für die mathematische Bestimmung von psychischen Empfindungen
und findet noch heute bei der Lärm- Messung als Dezibel- Skala Verwendung.
Dennoch will Fechner, der für Wundt zum wichtigen Wegbereiter der praktischen Psychologie wird, der Seele nicht eine naturwissenschaftliche Sicht abgewinnen, sondern eine mystische Weltanschauung begründen. Mit diesem Anspruch gelangt er zu Auffassungen, die in vielen Punkten an Spinoza erinnern. Das Universum stellt sich für ihn insgesamt spirituell als Tagesansicht dar, in dem physikalische Gesetze nur eine äussere Realität, die Nachtansicht bilden. In der Welt haben nicht nur die Menschen und die Tiere eine Seele, sondern auch die Pflanzen und darüber hinaus unorganische Dinge. Ja selbst Atome und Gestirne sind für Fechner beseelt, da er trotz unterschiedlicher Erscheinungsweisen an eine Indentität von Geist und Materie glaubt. Für den Menschen als dem höchst entwickelten Lebewesen unterscheidet Fechner drei Lebensstufen: deren erste ein steter Schlaf, die zweite ein Wechsel zwischen Schlaf und Wachen und die dritte ein ewiges Wachen ist. Schlafen und Wachen stehen dabei als Umschreibungen für die Unterscheidung von unbewussten und bewussten Zuständen. Auf diesen Gegensatz wird wenige Jahrzehnte später Freud seine Psychoanalyse stellen. Darüber hinaus beschäftigt sich Fechner auch mit dem Phänomen der vierten Dimension und verfasst unter dem Pseudonym Dr. Mises satirische Texte. Sich selbst sieht Fechner als Naturphilosoph, der die zunehmende Trennung von Naturwissenschaft und Philosophie überwinden will. Nach bestandenem medizinischen Examen verdient er sich seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben mehrbändige Repertorien zur Physiologie, Physik und Chemie und durch die Übersetzung umfangreicher Lehrbücher. Vom Erlös dieser Arbeiten kann er physikalische Apparaturen für eigene physikalische Untersuchungen erwerben. Seine Hinwendung zur Mystik war die Folge einer physischen Überlastung, die ihn im vierten Lebensjahrzehnt ereilt und Anzeichen einer schweren Neurose trägt. Fechner versucht, sein erschöpftes Nervensystem mit Autosuggestion in einem verdunkelten Raum selbst zu heilen. In dieser Zeit schreibt er u.a. an seinem 1836 veröffentlichten "Büchlein vom Leben nach dem Tode", in dem er darlegt, wie die Geister der Verstorbenen in den Lebenden weiterexistieren und wie in dem Menschen allgemein gute und böse Geister agieren, ohne den freien Willen ausser Kraft zu setzen. |