Frantz Fanon (1924-1961)
Mit der persönlichen Erfahrung des französischen Rassismus definiert Fanon den Menschen als ein geteiltes Subjekt. Ambivalente Identifikationsmechanismen, die sich in kolonialen und postkolonialen Gesellschaften dem Individuum nicht nur durch Gewalt, Feindseligkeit, Aggression, sondern auch über ein sexuelles Begehren nach dem Anderen aufdrängen, führen für ihn zu einer Dezentrierung des Cartesianischen Ich. Mit seiner kritischen Sicht auf die Ideale des Humanismus erteilt er deshalb schon vor Lyotard und Derrida dem Universalismus eine klare Absage.
  In seinen Texten und besonders in Interviews mit Sartre bezieht sich Fanon immer auf die Problematik des Terrors und schreckt selbst nicht davor zurück, Gewaltakte für "Die Verdammten dieser Erde" vorzuschlagen. Denn für die von der Teilhabe an der gesellschaftlichen Entwicklung Ausgeschlossen bleibe Gewalt oft nur das einzige Mittel, um die Kommunikation mit den entwickelten Industrieländern wiederherzustellen. Die Entkolonialisierung des Denkens und die Überwindung des in der europäischen Kultur tief verwurzelten Rassismus versteht Fanon aber als einen komplexen Prozess, mit dem ein dritter Weg der Blockfreiheit und ein Nationalbewusstsein ohne Nationalismus beschworen wird. Moralische und ethische Anliegen bindet er an die Selbst- Erfahrung des "schwarzen Subjekts", um sie als wechselseitig psychologische Abhängigkeiten zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren zu beschreiben. Seine Analysen zum menschlichen Begehren erinnern bereits an den extremen Humanismus Levinas.
  Nachdem Fanon in Frankreich Philosophie und Medizin mit der Spezialisierung Psychiatrie studiert, kehrt er 1953 als Arzt in sein Heimatland Algerien zurück und schliesst sich hier bald der FLN (Front Nationale Liberation)- Bewegung an. 1952 erscheint sein im Rahmen seiner akademischen Abschlussarbeit geschriebenes Buch "Black Skin, White Mask - Schwarze Haut, Weisse Masken". Von der französischen Kolonialverwaltung wird er 1957 aus Algerien ausgewiesen. Fanon stirbt 1961 in New York an Leukämie --am selben Tag, an dem sein Hauptwerk "Die Verdammten dieser Erde" in Paris veröffentlicht wird.