Friedrich Engels (1820-1895)
Mit seinem naturalistischen Evolutionismus bringt Engels einige gravierende Akzentverschiebungen in die von Marx komplex angelegte Erkenntnistheorie. So kann er das Verhältnis von Gesellschaft, Individuum und Natur in allgemeinverständlichen Thesen festhalten und früh der Arbeiterbewegung den Weg zu einem dialektischen Geschichtsverständnis ebenen. Doch um den Preis der Verkürzung, da seine Vorstellungen von einem wissenschaftlichen Sozialismus letztendlich die ideale Vorlage für eine mechanizistisch orthodoxe Auffassung von der politischen Ökonomie bietet. In diesem Widerspruch zeigt sich vielleicht schon die programmatische Schwäche eines Denkens, dass unvermittelt Gedanken der Emanzipation mit objektiven Gesetzmässigkeiten koppelt.
  Für Engels, der sich um eine "Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs" bemüht, stellen sich historisch- gesellschaftliche Prozesse primär in einer Analogie mit Naturphänomenen dar. Damit unterliegen, wie er 1882 in seiner Schrift "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" erklärt, das soziale Leben des Menschen und sein Denken ebenso allgemeinen Gesetzen wie die Natur selbst und können als ein Ergebnis der Evolution verstanden werden. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt bleibt jedoch weitgehend ausgespart oder wird auf die Abbildtheorie reduziert, wenn allein die Dialektik das Fortschreiten vom Niederen zum Höheren und den Umschlag von Quantitäten in Qualitäten erklären soll. Engels bezieht den Gedanken der Entwicklung in erster Linie auf Darwins Evolutionstheorie und legt mit der bei Hegel entnommenen Formel von der Freiheit als Einsicht in die Notwendigkeit ein soziales Emanzipations- Konzept vor, das --wie später auch bei Kautsky-- nicht mehr von einem Bruch in der Geschichte ausgeht, sondern eine kontinuierliche Entwicklung behauptet.
  Im 1878 publizierten "Anti-Dühring" und in der postum als Fragment veröffentlichen "Dialektik der Natur" erweitert Engels aufgrund seiner Beschäftigung mit den Wandlungen der Naturwissenschaften die Dialektik des ökonomischen und gesellschaftlichen Geschehens zu einem dialektischen Materialismus. Damit kann er in der 1884 erscheinenden Schrift "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates" auch allgemein den Staat, der bei Hegel noch als die Wirklichkeit der sittlichen Idee oder Vernunft verstanden wird, als das von einer Entwicklungsstufe abhängige Produkt der Gesellschaft definieren. D.h. mit der Auflösung der alten Gentilordnung --verewigt durch den Sturz des Mutterrechts-- entspringt der Staat nun den Klassengegensätzen, um ein Mittel der Unterdrückung zu sein, das erst in einer Assoziation von freien und gleichen Produzenten überwinden wird.
  Als ältester Sohn eines erfolgreichen Textilfabrikanten muss Engels das Gymnasium noch vor dem Abitur verlassen, um eine Kaufmannslehre zu absolvieren. In dieser Zeit sympathisiert er mit der literarischen Bewegung "Junges Deutschland", in der sich Schriftsteller wie Herwegh gegen die Kleinstaaterei, moralische Bevormundung und auch schon für das Recht der Frauen auf Bildung und Selbstständigkeit einsetzen. Während seines einjährigen Militärdienstes in Berlin hört er Philosophie- Vorlesungen und stösst zu den Junghegelianern um Bruno Bauer und Max Stirner. Seine ersten Artikel erscheinen in der von Marx herausgegebenen "Rheinischen Zeitung". Seit 1842 arbeitet er im väterlichen Zweiggeschäft in Manchester und kommt hier in Kontakt mir der englischen Arbeiterbewegung, den Chartisten und der utopisch- sozialistischen Strömung um Robert Owen. Nach seiner 1844 veröffentlichten "Kritik der Nationalökonomie" beschreibt er in seinem ein Jahr später erscheinenden Buch "Die Lage der arbeitenden Klassen in England" erstmals detailliert und ungeschminkt die Lebensbedingungen britischer Arbeiter. Auf seiner Rückreise in Paris befreundetet er sich mit Marx und arbeitet nun mit ihm zusammen an einer Reihe weiterer Schriften --so u.a. 1845 an der Abrechnung mit den Junghegelianern "Die heilige Familie" und "Die deutsche Ideologie" (die aus dem Nachlass erst 1932 veröffentlicht wird). 1846 gründen beide in Brüssel das Kommunistische Korrespondenz- Komitee, um auf die Organisation der Arbeiterbewegung Einfluss zu nehmen und treten bald danach dem geheimen "Bund der Gerechten" bei, der 1847 auf einer Konferenz in London in "Bund der Kommunisten" unbenannt wird. Zu diesem Anlass verfassen sie das "Kommunistische Manifest". Während der Märzrevolution von 1848/49 schreibt Engels für die von Marx neugegründete "Neue Rheinische Zeitung" und beteiligt sich als Adjutant August Willichs am Aufstand in Baden und in der Pfalz. Nach dem Scheitern der Märzrevolution verwaltet Engels --nun mit der irischen Arbeiterin Mary Burns zusammenlebend-- wieder die väterliche Fabrik in Manchester und zieht 1852 in der Schrift "Revolution und Konterrevolution in Deutschland" seine Bilanz der deutschen Ereignisse von 1848. Darüber hinaus arbeitet er an einer Reihe weiterer Studien, in denen er seine historisch- materialistische Geschichtsauffassung entwickelt. Darüber hinaus entstehen in dieser Zeit einige militärwissenschaftlich- politische Schriften, in denen er die Methoden der marxschen Geschichtsauffassung auch auf den Bauernkrieg während der Reformation anwendet. 1870 wird er, der fast 20 Fremdsprachen beherrscht, Sekretär der Internationalen Arbeiter Association, der Ersten Internationale, kann aber deren Auflösung aufgrund unüberbrückbarer Differenzen mit den Anarchisten um Bakunin nicht verhindern. In der 1889 in Paris gegründeten Zweiten Internationale nimmt er keine führende Position mehr ein. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich vorallem der Herausgabe der von Marx nachgelassenen Schriften und gibt in eigener Bearbeitung 1885 den zweiten, 1894 dritten Band des "Kapital" und 1888 ebenfalls bearbeitet die "Thesen über Feuerbach" heraus.