| Umberto Eco (1932) |
| Das Thema der Fiktion durchzieht wie ein roter Faden die theoretischen wie literarischen
Texte von Umberto Eco. Sein Konzept von einer immanenten Offenheit bietet dafür eine wichtige Grundlage, da er
wie auch
Roland Barthes für die Rezeption der modernen Kunst und Literatur
keinen eindeutigen Sinn mehr voraussetzt, sondern jeder kreativen Interpretation eine je eigene Bedeutung zugesteht.
Vorausgesetzt wird ein Sinnüberschuss, der nicht nur bei bewusst interaktiv oder gattungsspezifisch angelegten
Arbeiten zu divergierenden Lesarten führt. Damit ein Text aber nicht der Beliebigkeit und Willkür
preisgegeben wird, schränkt Eco später mit deutlichen Anleihen bei
Husserl,
Sartre und besonders
Merleau-Ponty seine Vorstellung von der Offenheit wieder ein. Ohne
den Anspruch der Mehrdeutigkeit freilich aufzugeben, da ihm eine dialektische Vermittlung von freier Interpretation
und formeller Gegebenheit vorschwebt.
In seiner erweiterten Zeichentheorie stehen --mit dem Verweis auf Marx-- kulturelle und gesellschaftliche Prozesse im Mittelpunkt. Genau genommen handelt es dabei auch um eine Sozialtheorie, die von einer Interpretationsgemeinschaft und der Ausbildung von finalen Gewohnheiten (habits) ausgeht. Um gelungene von misslungenen Interpretationen abzugrenzen, greift Eco auf Parameter der semiotischen Textpragmatik von Peirce zurück und untersucht ähnlich wie Cassirer nicht nur zeichentheoretisch die Wortsprache, sondern auch symbolische Formen der Kultur --wie Riten, Institutionen, soziale Beziehungen und Bräuche. Neben seiner kritischen Befragung der Avantgarde beschäftigt er sich ebenso mit dem Kitsch als einem wichtigen Element der Massenkultur. Anders als bei Adorno und Horkheimer wird für ihn dieses Phänomen der Massenkultur jedoch eine Herausforderung und wie bei Vattimo an eigenen Kriterien gemessen. In neueren Texten wendet sich Eco zunehmend polemisch gegen die Dekonstruktion im Poststrukturalismus und Konstruktivismus, um Interpretationen wieder an den eigentlichen Text- Gegenstand zu binden. Auch beschäftigt ihn die Frage, ob die Struktur tatsächlich eine zur Sprache gehörige Form darstellt oder nicht vielmehr ein blosses Konstrukt (oder gar eine Fiktion) der Semiologen bleibt. Wenn letzteres der Fall sei, dann muss für ihn jeder zeichentheoretische Ansatz als eine reine Metasprache angesehen werden. In diesem Zusammenhang konfrontiert er Derridas Insistieren auf einer Theorie der Fehlinterpretation mit der Überlegung, dass zumindest eine vage Vorstellung (ein Modell- Autor bzw. -Leser) für einen Text nötig sei, um sagen zu können, was ein Text nicht ist. In den 70er Jahren hat Eco noch Autoren und Leser als reale Personen aus dem Prozess des ästhetischen Kommunizierens verbannt. In seinem 1990 veröffentlichten Buch " I limiti dell' interpretazione - Die Grenzen der Interpretation" wird nun das Kantsche Objekt an sich, das sich vor jeder semiotischen Bestimmung behauptet, zu einer Leerstelle. D.h. als ein Etwas definiert, das vor aller Bezeichnung selbst nicht bezeichnet werden kann und erst den phänomenologischen Akt der Aufmerksamkeit auslöst. Nach seiner Promotion über Thomas von Aquino arbeitet Eco (er ist 22 Jahre alt) zunächst beim italienischen Radio und Fernsehen. Erst Anfang der 60er Jahre kehrt er an die Universität von Turin, wo er Philosophie studiert hat, zurück, um als freier Dozent am Lehrstuhl für Ästhetik zu arbeiten. In dieser Zeit erscheint sein vieldiskutiertes Buch "Opera aperta -Das offene Kunstwerk", das aus einem Referat für einen internationalen Philosophenkongress entstanden ist. 1966 übernimmt er für drei Jahre eine Professur am Politecnico Mailand, danach eine Lehrtätigkeit an der Universität Bologna und später immer wieder zahlreiche Gastprofessuren im Ausland, vorallem in den USA. Den ersten Internationalen Kongress für Semiotik organisiert Eco 1974 in Mailand. Zuvor hat er sich bereits in zahlreichen Publikationen über die Semiotik auch dem Thema der Poetik genähert. Sein erster Roman "Der Name der Rose", der 1980 erscheint und bald danach verfilmt wird, entpuppt sich als ein internationaler Bestseller. Seine folgenden Romane "Das Foucaultsche Pendel", "Die Insel des vorigen Tages" und "Baudolino" können an diesen Erfolg anknüpfen. |