| Denis Diderot (1713-1784) |
| Unter den Aufklärern in Frankreich entwickelt Diderot eine praxisorientierte Philosophie,
die sich vor allem an den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Galilei und Newton orientiert. Entschieden lehnt er
jegliche Formen des Agnostizismus ab und verteidigt die Idee von einer erkennbaren Welt, in der man Wissen durch
Beobachten, rationale Schlüsse und nicht zuletzt durch Experimente zuverlässig erwerben und beweisen kann. Von
ihm stammt die Idee, dass die Empfindung möglicherweise eine allgemeine Eigenschaft der Materie ist, so dass mit
der Berührung der Atome ein für die Menschen und das Universum einheitliches Bewusstsein zustande kommt und
damit die Trennung von Materie und Geist aufgehoben wird.
Der Herausgabe der "Encyclopédie" widmet Diderot 25 Jahre seines Lebens. Er selbst schreibt über 6000 Artikel und wird, nachdem d'Alembert aus dem Projekt aussteigt, ab dem achten Band deren alleiniger Leiter. Dieses Mammutprojekt, an dem zeitweise Voltaire, Rousseau, Montesquieu und noch 160 weitere Autoren mitwirken, wird kontinuierlich als ein allgemeinverständliches, philosophisch und wissenschaftlich anspruchsvolles Lexikon vorangetrieben, das mit seinen zahlreichen Querverweisen das Wissen neu ordnet. Trotz mehrfacher Anfeindungen gelingt es, mit versteckter Ironie und zweideutigen Formulierungen eine Kritik an der Kirche und am religiösen Eifer unterzubringen. Deshalb gibt es oft Streit um Kompromisse mit dem Verleger Le Breton, der zunächst nur die populäre englische Cyclopedia übersetzen lassen wollte. Als dieser sich nach einem Verbot des Conseil du Roi zeitweise zurückzieht, muss Diderot, den trotz seiner wechselnden Begeisterungsfähigkeit (und seiner vielen Liebschaften) ebenso eine Hartnäckigkeit auszeichnet, das Projekt heimlich fortsetzen. 1765 liegen insgesamt 17 Bände vor, die Erkenntnisse der Gelehrtenstuben und auch aus dem Handwerk breiteren Kreisen zugänglich machen und so die Aufklärung mit ihrem Kampf gegen den Wunderglauben, Gewissenszwang und Despotismus vorantreiben. Beeinflusst von den deistischen Ideen Shaftesburys und Spinozas veröffentlicht Diderot 1746 sein erstes eigenständiges Werk, die "Pensées philosophiques". Hier spricht er sich entgegen der traditionell christlichen Auffassung für die menschlichen Leidenschaften aus, da diese allein den Menschen mit seiner Seele zu Höherem emporheben können. In seinem Buch "De l'interprétation de la nature", das sieben Jahre später erscheint, greift er die Mathematik an, da sie für ihn nur Probleme abstrahiert und nicht wie die Experimentalwissenschaften Chemie, Physik und Biologie das Kriterium der Nützlichkeit erfüllt. Deshalb darf das Denken nicht bei Anschauungen stehen bleiben, sondern muss sich in der Praxis verwirklichen. Mit dieser Auffassung, die in den fiktiven Dialogen "L' Entretien entre d'Alembert et Diderot" und "D'Alemberts Traum - Le rêve de d'Alembert" zu einem materialistisch- vitalistischen Monismus weiterentwickelt wird, gerät Diderot mit d'Alembert in Streit, an deren Folge ihre Freundschaft zerbricht und jede weitere Zusammenarbeit aufgegeben wird. Als Sohn eines Messerschmieds bekommt Diderot bei den Jesuiten eine klassische Bildung in den Fächern Theologie und Literatur. Nachdem er das Studium der Religionswissenschaften an der Sorbonne beendet, kann er sich für keinen Beruf entscheiden. Die Eltern entziehen ihm deswegen die finanzielle Unterstützung, so dass er sich als Privatlehrer, Auftragsschriftsteller und Übersetzter durchschlagen muss. In dieser Zeit lernt er Rousseau, die Schriftstellerin Louise d'Epinay sowie den Baron d'Holbach kennen. Als 33jähriger entschliesst er sich, nachdem er sich mit einer Übersetzung der Geschichte Griechenlands und des Medical Dictionary von Robert James bereits einen Namen gemacht, mit d'Alembert die Encyclopédie herauszugeben. Seine kritischen Texte, vorallem seine Bekenntnisse zum Deismus, in denen er wie in den "Briefen über die Blinden zum Gebrauch für die Sehenden - Lettre sur les aveugles" jegliche Form des religiösen Fanatismus und die katholische Kirche direkt angreift, hat er meist anonym verfasst. Das hat ihn aber nicht vor einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe in der zehn Kilometer vor Paris liegende Festung Vincennes schützen können. 1773 folgt er einer Einladung von Katharina nach Russland, der er seine Bibliothek verkauft. Als Schriftsteller wird Diderot durch seine Romane "Die Nonne" und "Rameaus Neffe" sowie zahlreiche Theaterstücke bekannt. In ihnen hält er die Widersprüche seiner Zeit mit ironischer Schärfe fest und bündelt Empfindsamkeiten in individuellen und sozialen Zusammenhängen, wenn er für ein rein natürliches Welt- und Menschenbild eintritt. 1772 entschliesst er sich zur Mitarbeit an der "Histoire des deux Indes des Abbō Raynal", in der er scharfe Kritik an der europäischen Kolonialpolitik übt und sich für die Einführung der Menschenrechte einsetzt. |