Antoine Louis Claude Destutt de Tracy (1754-1836)
Indem de Tracy das menschliche Denken wieder an Ideale als sicheren Ausgangspunkt für die Erkenntnis koppelt, begründet er die Wissenschaft der "Idéologie". Diese neue, in seinem vierbändigen Hauptwerk "Eléments d'idéologie" entwickelte Disziplin soll weder eine psychologische Betrachtung noch Metaphysik, sondern die "Mutter aller Wissenschaften" sein. Mit diesem Anspruch will er als Aufklärer bestehende Erkenntnisse über die menschlichen Vorstellungen, psychischen und physiologischen Wahrnehmungen klassifizieren und in einem praxisorientierten Regelwerk für die Ethik, Politik und Pädagogik fixieren.
  Als Anhänger des Sensualismus akzeptiert de Tracy wie Locke einzig die Sinneswahrnehmung als Erkenntnisquelle und darüber hinaus das Aktivitätsprinzip des individuellen Willens. Um zu richtigen Urteilen zu kommen, müssen für ihn auf der Grundlage eines unabhängigen Denkens verschiedene Wahrnehmungen und Vorstellungen zueinander in Beziehung gesetzt werden. Analog dazu kommt die Sittlichkeit durch ein Abwägen von wohlverstandenen Interessenslagen zustande. Im Gegensatz zu normativen Ideologie- Vorstellungen --wie bei Bacon als Kritik an den Vorurteilen oder als gesellschaftstragende Welt- Anschauung später bei Marx-- geht de Tracy ganz von einer ursprünglichen Sprach- Logik aus. Sein Bemühen gilt wie schon bei den Denkern von Port Royal einem Sprachideal, das einzig der logischen Vernunft entspricht. Wer die Grammatik richtig beherrscht, hat für ihn ein ausgezeichnetes Instrument zur Hand, um zu denken, während in der Poesie und in jeder Metapher eine Gefahr für die Vernunft und das Wohl der Menschen schlechthin lauern. Sein sensualistisches Modell, das anders als Humboldts Modell der Dialogizität sich auf eine individuelle Sensibilität bezieht, und die daraus resultierende Ablehnung einer idealistischen Sprach- Auffassung, kann sich aber gegen das Vernunft- Konzept von Kant nicht durchsetzen.
  Als französischer Adliger (mit schottischer Herkunft) gehört Destutt de Tracy zu den Deputierten der Generalstände. Während der Jakobinerzeit 1793/94 wird er inhaftiert, kann aber in der Folgezeit im Schul- und Bildungswesen wieder Ämter übernehmen. Als Napoleon an die Macht kommt, zieht er sich auf sein Gut bei Auteuil zurück und versammelt hier eine Gruppe von Philosophen (u.a. de Condillac, Cabanis und Helvétius), die bald als Ideologen bezeichnet werden. Ihr Ziel ist es, die Grundlagen der Sprache zu erforschen und wie zuvor die Aufklärer Diderot, Voltaire und Rousseau mit pädagogischem Wirken die Gesellschaft zu verbessern. So fordern die Ideologen, dass die allgemeine Grammatik als Unterrichtsfach an den Schulen eingeführt wird und erarbeiten dafür praktische Instruktionen. De Tracy selbst probiert diese Anleitungen an seinen eigenen Kindern aus. Napoleon gehört zu den ersten Kritikern der Ideologen und hat so vielleicht schon den Grundstein für die bis heute noch verbreitete pejorative Konnotation des Ideologiebegriffs gelegt.