Jacques Derrida (1930-2004)
Gegen Husserls Lehre von den idealen Bedeutungen entwickelt Derrida seine rigorose Ablehnung absoluter Subjektivitäts- und Wahrheitswerte. Wie die Sätze der Mathematik bildet die Sprache für ihn kein abgeschlossenes Feld, sondern muss sich immer wieder zu sich selbst ins Verhältnis setzen. Die Instanz des Subjekts und die metaphysische Position des "sich-sprechen-hören-Wollen" wird deshalb zugunsten eines angestrebten nichtidentischen Anderen gänzlich aufgeben, so dass Derrida im Gegensatz zu Gadamer ein grundsätzliches Verstehen im Sinne einer Horizontverschmelzung nicht mehr für möglich hält. Mit diesem Anspruch kommt er konsequent zu dem im Poststrukturalismus geforderten offenen Lesen, das keine letzte Bedeutung mehr kennt und traditionelle Grundbegriffe der Philosophie unterminieren kann.
  Angelehnt an Saussures Sprachtheorie unternimmt er den Versuch, ein Denken zu entwickeln, das in der Lage sein soll, jede Ontologisierung zu vermeiden. Denn im Gegensatz zu Adorno ist er nicht bereit, Begrifflichkeiten als etwas Unentrinnbares hinzunehmen. Die Beziehung zwischen dem Zeichen (Signifikant) und dem Bezeichnetem (Signifkat) ergibt sich für ihn erst mit der Differenz durch die Vermittlung eines anderen Zeichens, das sich wiederum ohne feststehende Bedeutung aus einer weiteren Beziehung durch ein Verschieben bzw. Aufschieben bestimmt. Das berühmt gewordene Kunstwort "différance", das man schreiben, aber nicht hören kann, soll diesen Prozess letztendlich als eine unendliche Signifikantenkette, als einen Selbstgenerierungsprozess umschreiben, aber nicht als eine letzte Erklärung fixieren. D.h. die Schrift wird zu einer strategischen Spur von unbegrenzten Bezügen der Zeichen aufeinander und folgt allein dem Prinzip der Arbitrarität.
  Derrida kommt, wenn er mit diesem Ansatz Texte der traditionellen und zeitgenössischen Philosophie zugleich dekonstruiert und analysiert, zu erstaunlichen Interpretationen. Sein Ziel ist es, den grundlegenden Widerspruch zwischen dem, was ein Autor meint zu sagen, und dem, was der Text wirklich enthält, zum Vorschein zu bringen. So wird selbst Heidegger, von dessen Differenzbegriff eigentlich ausgegangen wird, eine metaphysische Verhaftung nachgewiesen, wenn er vom Denken verlangt, der Stimme des Seins zu gehorchen, oder mit dem Daseinsbegriff nur allgemein und ohne geschlechtliche Unterscheidung vom menschlichen Dasein ausgeht. Derridas Kritik an Marx richtet sich in dem 1993 publizierten Text "Spectres de Marx" gegen einen Standpunkt, der zu sehr den Kategorien Wert, Kapital und abstrakte Arbeit verpflichtet bleibt, und damit den angestrebten Sprung aus der -- kapitalistisch determinierten -- Geschichte verfehlt. Dennoch will Derrida in einer Zeit des neoliberalen Denkens mit dieser Stellungnahme auch wieder eine Lanze für das Gespenst einer politischen Emanzipation brechen.
  Wenn er in rhetorischer Brillanz seine Texte immer mehr an eine Grenze führt, an der sich die ursprünglichen Gedanken aufzulösen, zu zerstreuen beginnen, entzieht er sich bewusst den Normen einer philosophisch wissenschaftlichen Tätigkeit. Sein Schreiben orientiert sich zunehmend an einer Wahrheit in der Kunst, da es hier für ihn keine objektiv- neutralen sowie abschliessenden Mitteilungen gibt. Mit dieser Grenzüberschreitung interpretiert er ebenso Werke der bildenden Kunst, die für ihn schon unter ihrer Oberfläche ein Gleiten von Sinn und Ausdruck initiieren, das nie zu einem endgültigen Ende gelangen kann.
  Als Sohn einer jüdischen Familie wird Derrida im algerischen El-Biar geboren. Bereits in der Kindheit ist er wegen seiner Abstammung Repressalien ausgesetzt. Als 19jähriger reist er nach Frankreich, wo er die erste Aufnahmeprüfung für die École normale supérieure nicht besteht. Er engagiert sich in linksautonomen Gruppen und lernt Althusser sowie Foucault kennen. 1956 besteht er im zweiten Anlauf die mündliche Prüfung der agrégation und erhält ein Stipendium als special auditor an der Harvard- Universität. Bis 1959 leistet er seinen Militärdienst im Algerienkrieg ab, wobei er als Soldat zweiter Klasse in Zivil unge Algerier und Algerierfranzosen in Französisch und Englisch unterrichtet. In dieser Zeit lernt er Bourdieu kennen. Neben seiner Lehrtätigkeit am Lycée in Le Man und ab 1960 an der Sorbonne veröffentlicht er erste Arbeiten in "Critique" und "Tel Quel". Seine 1967 eingereichte Dissertation über Hegels Zeichentheorie bei Hyppolite führt, da dieser plötzlich verstirbt, nicht gleich zur Promotion. Auch seine Bemühungen um den Lehrstuhl des emeritierten Paul Ricoeur scheitern an der ablehnenden Haltung der staatlichen Verwaltung und einiger zuständigen Professoren. Dafür erhält er nach der Veröffentlichung der drei Bücher "Die Stimme und das Phänomen - La voix et la phénomène", "L'écriture et la différence - Die Schrift und die Differenz" und dem Vortrag "differance" im Jahr 1967 bald viele Einladungen und später Würdigungen im Ausland. Nach verschiedenen Gastvorträgen in Europa und Amerika kehrt Derrida 1971 in das unabhängige Algerien zurück, um dort für kurze Zeit eine Lehrtätigkeit aufzunehmen. Er unterstützt tschechische Dissidenten und wird, als er 1981 in Prag ein illegales Seminar abhalten will, verhaftet. Erst nach einer Intervention Mitterrands geht er straffrei aus. Zwei Jahre später setzt er sich für eine Ausstellung gegen die Apartheid in Südafrika ein. 1984 wird er in ein Seminar von Habermas nach Frankfurt eingeladen, wo er auch ein Joyce- Kolloquium eröffnet. 1992 erhält er den Ehrendoktor der Universität Cambridge und 2001 den Adorno -Preis der Stadt Frankfurt.