| Gilles Deleuze (1925-1995) |
| Mit seiner paradoxen These von einem transzendentalen Empirismus versucht Deleuze für
die menschliche Erfahrung ein unendliches Feld von Virtualitäten (das immer schon reicher als das Reale selbst
ist) zu behaupten. Im Empirismus selbst sieht er im Anschluss an
Hume die Option für ein Denken der Kontingenz, der Differenz und
Inkommensurabiliät, während er die Transzendenz als einen virtuellen Raum von singularen Potentialen und
des immateriellen Werdens interpretiert. An diesen Voraussetzungen hält Deleuze als Denker der Differenz und
des Begehrens ein Leben lang fest, um nicht wie
Adorno mit nur einem negativen, anti- thetischen Prinzip
gegen das Hegelsche Systemdenken Stellung zu beziehen.
In Anlehnung an Bergson, Nietzsche und Spinoza will Deleuze subjektzentrierte Universalisierungs- und Letztbegründungsanspruche radikal destruieren. Dabei kann er durch die Zusammenarbeit mit Guattari auf das Konzept der "Psychopathologie des Denkens" --die sogenannte "Schizo-Analyse"-- rekurrieren, mit der sich Subjekt- Vorstellungen durch ein differentielles Prezessdenkens ersetzen lassen. Die Individualität wird zu einem reinen Werden im Unbewussten, zu einem Strömen des Begehrens, kurzum zu einer "Wunschmaschine" erklärt und mit dem oszillierenden Begriff des organlosen Körpers (übernommen von Antonin Artaud) als Präsens ohne Repräsentation umschrieben. So wird das Unbewusste elternlos, und Freuds Ödipuskomplex und nicht zuletzt auch die Lacansche Theorie als Unterdrückungs- apparat denunziert. Da sich Deleuze mit seinem Anspruch, einem dualistischen Denken der Totalität zu entkommen, auf keine Ontologisierung einlassen will, muss er sein Denken in eine prä-reflexive Negativität bringen. Mit Guattari postuliert er deshalb eine Geophilo- sophie, die von einem Ich- losen Bewusstseins- Feld ausgeht, das als reine Immanenzebene aufgefasst wird und das Denken als Ereignis hervorbringt. Der Begriff als solcher wird in Abhängigkeit von verschiedenen Komponenten und Relationen zu anderen Begriffen zu einer reinen Konstruktion und Bewegung, die permanent Differenzen und Kräfte freisetzt. Dies aber wieder durch eine Begriffsperson (personnage conceptuel), mit der nur das Denken (oder das, was in uns denkt) und nicht das Subjekt des Philosophen, in den Immanenzplan eintritt. In Analogie dazu versteht Deleuze die Wissenschaft als ein schöpferisches Denken in Funktionen und bei der Logik in Propositionen. Die Kunst, die schon grundsätzlich für ihn in einer Parallelität zur Philosophie steht, wird als ein Denken in Affekten und Perzepten erklärt, denen jedoch mit ihrem sinnlichen Sein eine Selbständigkeit und Dauerhaftigkeit zukommt. D.h. Gefühle und Empfindungen wirken in dieser Weise unabhängig vom Künstler, der sie zwar erfindet und in eine Kompositionsebene fügt, aber über sein eigenes Leben hinausstellt. Damit ist in der künstlerischen Form (wie bei dem Maler Francis Bacon besonders hervorgehoben) zugleich auch ein selbständiges Werden, ein Tier-, Frau-, Kind-, Molekularwerden ins unendliche Universum angelegt. Ebenso geht Deleuze in der Literatur nicht von einem ästhetischen Verfahren aus, das dem Geschmacksurteil untersteht, sondern von einer als unbewusst, vom Lustprinzip gesteuerten Artikulation, deren Vielfalt und paradoxe Selbstbegründung in einer pluralen Lektüre freizulegen sind. Exemplarisch zeigt er dies mit seiner semiotisch inspirierte Proust- Lektüre oder seinen poststrukturalistischen Kafka- und Melville- Interpretationen. Wenn Deleuze in seinen Reflexionen immer wieder das Etablierte, das Systemhafte und Wahrheit setzende Transzendente in Frage stellt, muss er auf ein Aussen des Denkens, das kreative Nichts oder einfach nur das Chaos insistieren. Mit der Integration dieser irreduziblen Alterität kann er die absolute Kognition des "Ich-denke" entmächtigen. Erst mit diesem Verhältnis stellt sich für ihn eine Sinnproduktion, ein neues Denken aus sich heraus her: mit der Kunst, wenn sie der Sinnlichkeit ein Sein gibt, mit der Wissenschaft, wenn sie Prozesse künstlich verlangsamt, und mit der Philosophie, wenn ein Schnitt durch das Chaos gezogen wird. Nach seinem Studium an der Sorbonne, arbeitet Deleuze seit 1944 als Philosophie- lehrer an verschiedenen Gymnasien in der Provinz. In dieser Zeit veröffentlicht er als Co-Autor eine erste Monographie über Hume. 1955 kehrt er nach Paris zurück und bekommt zwei Jahre später eine Assistentenstelle im Bereich Geschichte der Philosophie an der Sorbonne. Er heiratet und wird Vater von zwei Kindern. 1962 veröffentlicht er sein Buch "Nietzsche et la philosophie", in dem er erstmals den Anspruch auf eine differentielle und subjektlose Philosophie postuliert. In diesem Jahr lernt er Foucault kennen und editiert mit ihm sieben Jahre später die kritische Nietzsche -Gesamtausgabe von Colli und Montinari in Frankreich. Seit 1964 arbeitet Deleuze als Lehrbeauftragter der philosophischen Fakultät von Lyon. Hier schreibt er seine Studien zu Proust und Bergson. 1969 wird sein Buch "Logik des Seins - Logique du sens" herausgegeben. Deleuze lernt Guattari kennen, mit dem er 1972 den "Anti-Ödipus -L' AntiOEdipe", 1975 "Kafka. Für eine kleine Literatur", 1980 "Mille plateaux. Capitalisme et schizophrénie II." und 1991 "Qu'est-ce que la philosophie" veröffentlicht. Wegen politischer Meinungsverschiedenheiten über die Bedeutung des Terrorismus zerbricht 1980 die Freundschaft mit Foucault. 1988 erscheint "Die Falte. Leibniz und der Barock" und 1993 der Aufsatzband "Critque et la clinique". Schwer erkrankt und abhängig von einer Lungenmaschine setzt Deleuze drei Jahre später seinen Leben ein Ende, als er aus dem Fenster stürzt. Unklar bleibt, ob es sich um einen Unfall oder um einen Suizidversuch handelte. |