Guy Ernest Debord (1931-1994)
Mit seiner Theorie des Spektakels entwickelt Debord eine kritische Theorie, welche die Totalität einer von der Warenproduktion bestimmten modernen Gesellschaft beschreibt. Dabei operiert er mit einem an Hegel und Marx geschulten Denken thesenhaft mit denselben Prämissen wie Adorno, Horkheimer und Marcuse, bietet aber eine rein am Warenfetischismus sich orientierende Kritik am Kapitalismus. Im Zur-Ware-Werden der Kultur sieht er nicht nur das Symptom einer niedergehenden Gesellschaft, sondern vielmehr die Effekte einer omnipräsent globalen Organisation, die sinnliche Wahrnehmungen noch jenseits der ökonomischen Zirkulation beherrschen. Besonders im kulturellen Bereich lagern sich für ihn Strukturen ein, die einen Fetischcharakter repräsentieren und perpetuieren. So komme vornehmlich der Kunst nur noch die Aufgabe zu, eine Gesellschaft zu rechtfertigen.
  Den Kapitalismus deutet Debord gleich Benjamin in seiner phantasmagorischen Gestalt als Schlaf, den er jedoch nicht als ein Traum zum Erwachen hin, sondern pessimistisch als Alptraum mit dem Spektakel als Wächter diagnostiziert. Einzig einer Klasse, die die Auflösung aller Klassen herbeiführt, wird in einer verkehrten Welt noch eine Selbstemanzipation von ihren materiellen Grundlagen zugestanden. Trotz aller Radikalität reduziert sich bei Debord, der wie Sartre und Henri Lefebvre ein erklärter Gegner des Strukturalismus ist, die Kritik zunehmend auf ein keynesianisches Akkumulationsmodell und den Massenkonsum. Es gelingt ihm noch nicht (wie später Deleuze) sein Denken in eine prä-reflexive Negativität zu bringen.
  Debord, der 1962 in Cannes den Lettristen beitritt, wird bald zum wichtigsten Mitglied der sich formierenden Situationistischen Internationale (SI). Mit seinem aus 221 Thesen bestehenden Buch "Die Gesellschaft als Spektakel" avanciert er zum populären Vordenker der 68er Bewegung. Nach der Auflösung der SI zieht er sich aus dem öffentlichen Leben zurück und verblüfft seine Anhänger wie Gegner immer wieder mit einer radikalen Verweigerungsstrategie. Er produziert nur noch Filme und veröffentlicht Bücher, in denen er sich selbst zitiert oder nur Verträge zu seinen Filmproduktionen dokumentiert. 1994 setzt er nach einer plötzlichen Krankheit seinem Leben ein Ende.