David Friedrich Strauss (1808-1874)
Mit seiner kritischen Schrift über Jesus, in der Gott nur noch als eine blosse Idee des Unendlichen begriffen wird, manifestiert Strauss die Spaltung der Hegel- Anhänger. Bei den Jung- bzw. von ihm so genannten Linkshegelianern, vorallem bei Feuerbach, gipfelt eine solche Betrachtung bald in einem konsequenten Atheismus, während die Althegelianer als rechte Interpreten in Hegel den Vollender einer christlichen Philosophie sehen. Strauss selbst geht es anfangs nur darum, im Geschichtlichen die Wahrheit vom Schein zu trennen. Ausgehend vom Prinzip des Mythos sieht er in Jesus mehr die menschliche Idee eines sich seiner Unendlichkeit erinnernden Geistes. So kann er die überlieferte Lehre von einer unbefleckten Empfängnis, die Auferstehung und alle anderen Wunder- Offenbarungen als übernatürliche Wahrheiten gelten lassen. Denn letztendlich will er mit einer spekulativen Theologie zu einer philosophischen Interpretation der Evangelien kommen, in deren Mittelpunkt nicht der historische Jesus, sondern eine Lehre über den Menschen steht. Diese Unterscheidung wird später von Rudolf Bultmann erneut aufgegriffen.
  Nachdem Strauss seinen Gegnern in zahlreichen Streit- und Gegenschriften sein Anliegen zu erklären versucht, schwächt er aber --vorallem mit der dritten Neuauflage seines Jesus- Buches-- seinen atheistischen Standpunkt wieder und polarisiert nun die Junghegelianer, die in den von Arnold Ruge herausgegebenen Hallischen, später Deutschen Jahrbüchern um einen stärkeren Radikalismus ringen und den Kern der Hegelschen Lehre in der dialektischen Methode, der Negation des Bestehenden sehen.
  In seinem zweiten, schon weniger beachteten Werk "Die christliche Glaubenslehre in ihrer geschichtlichen Entwicklung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft dargestellt" bemüht sich Strauss, nun als Vertreter des Pantheismus die christlichen Glaubenswahrheiten gelten zu lassen. Erst in der 1863 herausgegebenen Überarbeitung seines Erstlingswerkes erteilt er dem Christentum eine förmliche Absage. Jesus wird hier nur noch als Verkünder einer blossen Kulturreligion angesehen. In seinem letzten, 1872 veröffentlichten Werk "Der alte und der neue Glaube", will Strauss nicht mehr als Kritiker, sondern positiv seine Weltanschauung darstellen und definiert jetzt --indem er sich indirekt auf Schleiermacher bezieht-- die Religion als ein Gefühl der Abhängigkeit. Als ein Anhänger von Laplace und Darwin begreift er nun die Welt evolutionistisch und tritt für eine natürliche Ethik ein. Mit ihr meint er sogar, alle moralischen und politischen Themen seiner Zeit (von der Todesstrafe bis zum Wahlrecht) erschöpfend "als einen immanenten Zusammenhang ohne Transzendenz" erklären zu können.
  Bis 1830 studiert Strauss Philosophie und Theologie im Tübinger Stift und danach in Berlin, um hier Hegel und Schleiermacher zu hören. Drei Jahre später wird er Repetitor in Tübingen und darf hier auch theologische Vorlesungen abhalten. Als 1836 sein zweibändiges Erstlingswerk "Das Leben Jesu, Kritisch bearbeitet" veröffentlicht wird, beginnt man ihm eine Zersetzung des christlichen Glaubens vorzuwerfen, so dass er diese Stelle wieder aufgeben muss und später einer Berufung nach Zürich nicht folgen kann. Seitdem arbeitet er in seiner Heimatstadt Ludwigsburg als Gymnasialprofessor und freier Publizist. In dieser Zeit entsteht sein zweites kritisches Werk "Die christliche Glaubenslehre, in ihrer geschichtlichen Entwickelung und im Kampf mit der modernen Wissenschaft dargestellt". 1848 wird er als liberaler Abgeordneter in den württembergischen Landtag gewählt. Hier vertritt Strauss wider Erwarten eine konservative Position, die ihm von seinen Wählern ein Misstrauensvotum einträgt, so dass er noch im Dezember sein Mandat niederlegt. Neben seinen religionsphilosophischen Schriften schreibt er ab den 50er Jahren auch Biographien über Schubart, Hutten, Frischlin und Voltaire. 1872 erscheint sein zweibändiges Spätwerk "Der alte und der neue Glaube. Ein Bekenntnis", das von Nietzsche als das Buch eines Bildungsphilisters verhöhnt wird.