Charles Darwin (1809-1882)
Mit seiner Evolutions- Theorie, nach der sich das Leben aus niedrigen Formen entwickelt und in allmählichen Selektionsprozessen ausdifferenziert, kann Darwin die Vorstellung vom natürlichen Seinsprinzip revolutionär verändern. Ein Paradigmen- Wechsel im Sinne von Kuhn wird eingeleitet, da er einen Artbegriff überwindet, der seit Aristoteles von unwandelbaren und nicht voneinander ableitbaren Formen ausgeht. Wichtig sind für Darwin auftretende Variationen, die sich erst behaupten müssen und dann weitervererben. So ist jede Zweckmässigkeit das notwendige Resultat von natürlichen, rein kausal wirkenden Faktoren und nicht mehr Bestandteil eines grossen (Schöpfungs)- Planes. Die Vorstellung von einer biologischen Evolution wurde zwar bereits vor ihm (in der Antike von Empedokles und später von Linné) vermutet, da es aber an empirischen Belegen fehlte (auch bis heute noch in vielen Einzelfällen) hat sich dieser Ansatz nie durchsetzen können.
  Darwin, der während seiner Weltreise auf der "Beagle" Fossilien entdeckt, die auf neue Art- Verwandtschaften hinweisen, und später an Kulturpflanzen sowie Haustieren gezielt Beobachtungen anstellt, kann seine These von der evolutionären Entwicklung erstmals in seinem 1859 veröffentlichten Buch "Über den Ursprung der Arten durch natürliche Auslese oder die Bewahrung begünstigter Rassen im Kampf ums Überleben" als ein komplexes System entwickeln. Übrigens zeitgleich mit Robert K. Merton, dem jedoch nicht der gleiche publizistische Erfolg beschieden ist. Darwin wählt später die von Herbert Spencer geprägte Formulierung "survival of the fittest", um seinen Begriff der Auslese unter rein ökonomischen Aspekten und im Sinne der vulgären Fortschrittstheorie von Malthus mit einer Überproduktion und begrenzten Ressourcen zu erklären. Aber dies mehr in Bezug auf ein komplexes Zusammenspiel der Arten untereinander, was immer wieder unterschlagen wird. Optimale Variationen können sich für ihn erst in langen Zeiträumen durchsetzen, da die Natur "keine Sprünge macht" und schon lange vor dem Menschen allgemein nach Schönheit strebt. Neben der passiven und indirekten Selektion geht Darwin auch von einer direkten Anpassung im Lebens- Milieu und nicht zuletzt von einer sexuellen Auslese im Wettbewerb der Männchen um die Weibchen aus.
  Da der Mensch selbst von Darwin bald als ein Produkt der Evolution angesehen wird, sind auch seine psychischen und sittlichen Eigenschaften für ihn von dieser Entwicklung geprägt (so wird schon hier -- vor Varela und Maturana-- die Biologie zu einer Fundamentalwissenschaft). Darwin erklärt dazu, dass die sittlichen Gefühle aus vererbten Instinkten und durch die Selektion aus sozialen Impulsen hervorgegangen sind. Dies mit dem Ziel, die Lebenstüchtigkeit durch ein allgemeines Wohl abzusichern. Ebenso ergibt sich für Darwin das moralische Verhalten allein aus biologischen Ursachen, d.h. es wird wie später bei Arnold Gehlen mit einer schwachen Anpassung erklärt. Die Natur hat --so die Begründung dazu-- diesen Mangel bei den Menschenaffen mit geistigen Fähigkeiten begünstigt.
  Darwin, der ausser in der Theologie über keine abgeschlossene akademische Ausbildung verfügt, revolutioniert als ein Aussenseiter die Naturwissenschaft und erschüttert damit auch --ohne eine direkte Auseinandersetzung mit der Kirche zu suchen-- das christliche Weltbild. Als Max Weber alle Wertmassstäbe als wissenschaftsextern zurückweist, kann der Neodarwinismus dies auf die Biologie übertragen und unterscheidet sich damit von Darwin, der noch in einem metaphysischen Sinne von einem Fortschritt ausgeht. Der sich auf ihn ebenfalls berufene Sozialdarwinismus wird jedoch seiner Evolutionstheorie nicht mehr gerecht, da seine Vertreter das Ausleseprinzip in erster Linie auf ein Überleben der Starken durch die Ausrottung der Schwachen reduzieren und für gesellschaftliche Belange stark verallgemeinern.