| Emile Mihai Cioran (1911-1995) |
| Als ein an sich permanent selbst zweifelnder Skeptiker bestreitet Cioran in zumeist
aphoristischen Texten jeglichen Sinn des Lebens und jede transzendente Finalität. Nur ihm Schlaf und im
vorbewussten Leben ist für ihn die Illusion von einem erfüllten Leben möglich, da das Unglück
der Existenz mit dem Bewusstsein, der Individuation beginnt. Für Cioran ist der Mensch zu schwach, um
das geistige Wachsein, d.h. sein Denken, ertragen zu können. In der Gesundheit sieht er den gesegneten
Zustand des nichtwissenden Seins, Krankheit und Schmerz hingegen versteht er als eine produktive Auseinandersetzung
mit dem Unbehagen des Daseins.
Indem Cioran als ein Desillusionierter sein Leiden am eigenen Dasein hartnäckig beschreibt und schonungslos in der Auseinandersetzung mit christlich mystischen, hinduistischen und buddhistischen Weisheitslehren ins Paradoxe (in einen Rausch der Ausweglosigkeit) treibt, lebt er gegen sich selbst und gegen die Welt. In einer permanenten (zuweilen auch pathetischen) Empörung bleibt seine Obsession das Ende, ein nie vollzogener Suizid (fern von jeder Selbstbehauptung wie bei Camus). Cioran meidet Geschichtsutopien und philosophische Systeme (auch existentielle Positionen wie Heideggers Dasein), wenn er die Illusion, durch Erkenntnis zur Wahrheit zu kommen, mit seinem Philosophenhammer zerschlägt, und akzeptiert nur einen sich selbst destruierenden Skeptizismus, der jenseits von Gott und der Gottlosigkeit in das Zentrum des menschlichen Daseins zielt. Einzig in der beschworenen Musik von Bach und Beethoven meint er noch ein Mittel zu finden, um die schmerzenden Fesseln des Bewusstseins zu sprengen. Cioran wächst in Rètinari bei Sibiu (Hermannstadt) als zweites Kind eines orthodoxen Priesters und späteren Erzbischofs auf. Trotz einer glücklichen Kindheit leidet er schon als Gymnasiast an einer zermürbenden Schlaflosigkeit, die ihn sein Leben lang begleiten wird. Ab 1926 studiert er Ästhetik und Philosophie in Bukarest und schreibt sechs Jahre später eine Diplomarbeit über den "Intuitionismus" Bergsons. Anfang der 30er Jahre begeistert er sich (wie er in seinen "Cahiers" gesteht) kurzzeitig für die faschistische "Eiserne Garde" und veröffentlicht nationalistisch antisemitische Pamphlete. Gleichzeitig beginnt seine Freundschaft mit Mircea Eliade. Seine Philosophiestudien setzt er bald in Berlin, Dresden und München als Humboldtstipendiat fort und lernt Ludwig Klages und Nicolai Hartmann kennen. 1934 erhält er für sein Erstlingswerk "Pe culmile disperwrii - Auf den Gipfeln der Verzweiflung" einen Preis für junge rumänische Schriftsteller. Zwei Jahre später arbeitet er als Philosophielehrer am Gymnasium in Bratov und geht 1937 als Stipendiat des Bukarester Institut français nach Paris, um an einer Dissertation über Nietzsches Ethik zu schreiben. Die Arbeit wird jedoch nie begonnen. Stattdessen veröffentlicht Cioran bis 1944 fünf Bücher in rumänischer Sprache. Als nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rückkehr in die Heimat nicht mehr in Frage kommt, entschliesst er sich, in Frankreich zu bleiben, wo er nach dem Ende seines Stipendiums in sehr ärmlichen Verhältnissen lebt. 1949 publizierte er bei Gallimard sein erstes französisch geschriebenes Buch "Précis de décomposition - Lehre vom Zerfall". Dafür wird ihm der "Prix Rivarol" verliehen. Danach werden von ihm alle Auszeichnungen und Preise abgelehnt (u.a. 1960 der "Prix combat", 1977 der "Prix Roger Nimier" und 1988 der von der Französischen Akademie hochdotierte "Grand Prix Morand"). Seit 1960 lebt er zurückgezogen in einer Mansardenwohnung im Quartier Latin und ist bis zu seinem Tod, von vereinzelten Interviews abgesehen, nicht zu öffentlichen Statements bereit. Sein Leben bleibt eine Minimalexistenz am Rand der Gesellschaft, sein Schreiben ein "Gift gegen das Sein" und gleichzeitig eine morbide Therapie für das eigene Bewusstsein. |