| Cornelius Castoriadis -Paul Cardan (1922-1997) |
| Die Rolle des Imaginären wird von Castoriadis erstmals programmatisch im
Marxismus thematisiert. Für ihn trägt die schöpferische
Einbildungskraft als "erste Produktivkraft" den gesellschaftlichen Prozess und wird auch zum entscheidenden Element
für deren Wandel. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist ein imaginäres Realitätsverständnis,
das auf ein indeterminiertes, jenseits der Vernunft liegendes "Magma" zurückgeführt wird --für
Julia Kristeva ist es später mit einem semiotischen Ansatz die
"chora". Castoriadis versucht über die Psychoanalyse die Theorie einer Ur-erfahrung des Sozialen zu entwickeln.
Dabei bemüht er sich, sein Konzept von einer individuellen wie gesellschaftlichen Geschichte als die einer
imaginären Schöpfung auszubauen und historisch bis in die Antike zu belegen.
Mit seiner Marxismus- Kritik verwirft Castoriadis eine Ideologie, die einzig in der Arbeiterklasse ein einheitliches revolutionäres Subjekt sieht und menschliche Erfahrungen im Sinne einer hegelschen Dialektik nur auf tautologisch rationale Bestimmungen reduziert. Für ihn stehen nicht mehr ökonomische Belange im Zentrum der Gesellschaft, sondern deren Institutionen, da sie die Wahrnehmung und Interpretation der physischen und sozialen Welt bestimmen. Der völligen Aufgabe des Subjekt- Begriffs, wie bei Foucault und Derrida, begegnet Castoriadis mit der Idee von einer menschlichen Autonomie, die sich aus den imaginären Schöpfungen des Unbewussten ergibt. Er entwickelt dazu das Konzept von einer "psychischen (autistischen) Monade", die sich über verschiedene Brüche zu einem gesellschaftlich- geschichtlichen Individuum wandelt und Bedeutungen, Institutionen und Symbole der Gesellschaft allmählich verinnerlicht. Ohne jedoch restlos in ihnen aufzugehen, da der Übergang vom privatistisch Imaginären ins öffentlich Imaginäre, das sich im Kapitalismus verselbständigt hat und damit zu einer phantasmatische Entfremdung des Menschen führt, erschwert ist. Wenn in dieser Situation die Gesellschaft permanent ein Streben nach Autonomie und gleichzeitig deren Unterdrückung hervorbringt, produziert sie für Castoriadis aber auch immer schon das Potential einer paradoxen Destruktion. Nach seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Jugend wird Castoriadis mit 19 Jahren Mitglied der KP Griechenlands. Bereits nach einem Jahr wechselt er zu den Trotzkisten und beteiligt sich am Widerstand gegen die Metaxas- Diktatur und die deutsche Besatzung Griechenlands. 1945 reist er mit einem Stipendium des Athener "Institut francais" nach Paris, wo er bald mit den Trotzkisten bricht und 1949 Gründungsmitglied der Gruppe "Socialisme ou Barbarie" wird. In der unter gleichem Namen herausgegebenen Zeitschrift veröffentlicht er zahlreiche Artikel, in denen er für eine Selbstverwaltung durch die Arbeiter und gegen eine Parteiherrschaft der marxistischen Ideologie eintritt. Diese kritische Position wird aber nach und nach von den eigenen Mitstreitern, so von Lyotard, abgelehnt. Als 1965 die letzte Nummer der Zeitschrift erscheint und sich 1967 die Gruppe endgültig auflöst, durchlebt Castoriadis eine Krise und unterzieht sich einer Analyse. Er beschäftigt sich intensiv mit Freud, absolviert eine Ausbildung zum Analytiker und beginnt 1974 zu praktizieren. 1975 erscheint sein Buch "L'institution imaginaire de la société - Gesellschaft als imaginäre Institution" gefolgt von einer Reihe von Aufsätzen, in denen er immer wieder das Problem des Imaginären umkreist, die Rolle der modernen Wissenschaft und Technik aus politischer Sicht zu definieren versucht und über die Haltung der Intellektuellen in der "Postmoderne" spottet. 1979 wird er Forschungsdirektor an die Pariser "École des hautes études en sciences sociales", wo er bis 1995 zahlreiche Seminare abhält. Seine Arbeit an dem geplanten mehrbändigen Werk "La Création humaine - Die menschliche Schöpfung" kann er nicht mehr vollenden. |