Elias Canetti (1905-1994)
Durch Canetti wird das zivilisatorische Phänomen der Masse erstmals wieder unter primär ästhetischen Gesichtspunkten beschrieben. Identifikations- Symbole, die als Imaginationen in der Kultur und gleichzeitig als Masse- Sein in der Natur vorliegen, bieten für ihn einen Bezugsrahmen, der über bereits vorliegende psychologische Theorien von Le Bon oder Freud bzw. soziologische Ansätze wie bei Max Weber weit hinausgeht. Indem Canetti den Widerstreit zwischen einem Massen- und dem Individualtrieb beleuchtet, geht er stets von Leitbildern aus, die nicht einer äusserlichen Beschreibung dienen, sondern als wichtige Konstitutionsmomente einer Gemeinschaft erst eine Form geben.
  Grundlegend ist für Canetti die Eigendynamik jeder Masse zum Wachstum, zur Gleichheit und Gerichtetheit. Das "Umschlagen der Berührungsfurcht" in einen Drang nach anonymer Berührung kann spezifische Unterschiede (sogar die der Geschlechter aufheben), so dass Hierarchien aufgelöst und erstarrte Distanzen durchbrochen werden. Andererseits führt dies für ihn auch zu Selbsttäuschungsprozessen und --wie am Beispiel der Katholische Kirche aufgezeigt-- wieder zu einer stärkeren Kontrolle. Mit vielen Belegen aus anthropologischen, historischen und klinischen Berichten unterscheidet Canetti offene von geschlossenen, rhythmische von stockenden Massen und hält Momente des Ausbrechens nach Innen und Aussen bei Hetz-, Flucht-, Verbots-, Umkehrungs- und Festmassen fest. Wenn in einer enzyklopädischen Breite das Phänomen der Masse beschrieben wird, verfällt Canetti aber auch einigen Klischees. So bei seinen Beschreibungen von nationalen Identitäten --die Engländer werden als Seefahrer mit dem Meer und die Deutschen in ihrer Nähe zum militärischen Heer mit dem Symbol des Waldes gleichgesetzt. Ebenso kann seine verallgemeinernde Auffassung: Nationen als tendenzielle Religionen bzw. als deren Ersatz anzusehen, wenig überzeugen.
  Dreh- und Angelpunkt ist für Canetti das Phänomen der Macht, die durch den "Stachel des Befehls", also durch Gewalt eine Subjekt- Objekt- Beziehung konstituiert. Wobei der höchste Befehl der des Tötens ist, da er die Möglichkeit der Begnadigung einschliesst. Bei einem solchen Ausgeliefertsein kann es aber auch zu einem Rückstoss, zu einer Umkehrung des Verhältnisses gegen die Machthaber kommen, weil in der Masse, wo jeder von einer starken metaphysischen Kraft durchströmt wird, schon immer der Antrieb schlummert, jemanden zu retten oder gerettet zu werden.
  Canetti, der als Sohn einer jüdisch- spanischen Familie in Bulgarien zur Welt kommt, verbringt seine Kindheit in England. Nach dem Tod des Vaters zieht die Familie nach Wien. Hier studiert Canetti mit seinem Bedürfnis nach universeller Bildung zunächst Chemie und promoviert später in Philosophie. Von Karl Kraus beeinflusst veröffentlicht er 1934 seinen ersten Roman "Die Blendung". In der Emigration beginnt er 1939 mit den Vorarbeiten zu seinem opus magnum "Masse und Macht", das erst 1960 erscheint. Den Nobelpreis für Literatur erhält er 1981 für seine autobiographischen Bestseller- Romane.