Franz Brentano (1838-1917)
Für Brentano kommt nur der inneren Wahrnehmung eine Evidenz zu. Deshalb lehnt er Kants apriorische Raum- und Zeitanschauung ab. In seinem 1874 herausgegebenen Standardwerk "Psychologie vom empirischen Standpunkt" versucht er nachzuweisen, dass einzig das Erleben der "subjektischen" Tätigkeit eine Gewissheit darstellt. Damit bieten die äussere Wahrnehmung und das Gedächtnis kein tragfähiges Fundament mehr für eine kognitive Wissenschaft. Nur unmittelbar einleuchtende Urteile und die aus ihnen abgeleiteten Sätze dürfen akzeptiert werden.
  In seiner erst postum 1982 veröffentlichten "Deskriptiven Psychologie" bemüht sich Brentano, in dieser Hinsicht umfassend die Elemente des menschlichen Bewusstseins und ihre Verbindungen untereinander zu bestimmen (auch um die Unhaltbarkeit des Skeptizismus zu belegen). Mit dem Primat psychischer Realitäten, die sich intentional auf wahrgenommene Objekte beziehen, wird zwar der Grundstein für die Phänomenologie gelegt, doch bleibt noch unklar, wie die aus der Scholastik kommende Vorstellung von der Intentionalität ganz ohne Aporien zu begreifen ist. Von Husserl wird dieser Ansatz transzendental weiterentwickelt und bei Heidegger als eine Ekstase des Daseins näher bestimmt.
  Da Brentano psychische Akte nach Descartes' Klassifikation des Denkens in Phänomene des Vorstellens, des Urteilens und der Gemütsbewegungen einteilt, kann er eine Ethik entwickeln, die sich auf innerlich bewusste und damit evidente Tatsachen bezieht. Wie er 1874 in seinem Buch "Vom Ursprung sittlicher Erkenntnis" darlegt, sind die Menschen schon aufgrund ihrer Vorstellungen in der Lage, korrekt zu lieben, zu hassen oder generell das Gute zu wählen. Damit gibt er die Implikation des vorhergehenden Willens von Leibniz auf und kommt, aufbauend auf seine Lehre vom richtigen Urteil, zu einer Wertaxiomatik, mit der evidente Urteile den "Vorzug des Sittlichen vor dem Unsittlichen" wählen.
  Brentano wächst als Neffe von Clemens Brentano und Bettina von Arnim in Marienberg am Rhein auf. In München beginnt er 1856 Mathematik, Literatur, Philosophie und Theologie zu studieren. Bald wechselt er nach Berlin zu dem bedeutenden Aristoteles- Forscher Adolf Trendenburg, um sich mit Francisco Suárez, der den Thomismus und Skotizmus zu einer synthetisierenden Metaphysik entwickelt hat, auseinanderzusetzen. Mit seiner Arbeit "Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles" erlangt er (da er sich nach einer kurzen Novizenzeit im Grazer Dominikanerkonvent für die Weihe zum Priester entschlossen hat) in absentia die Promotion in Tübingen. Zwei Jahre später habilitiert er sich in Würzburg und arbeitet hier zunächst als Privatdozent, ab 1873 als Professor. Als er sich in einer schriftlichen Stellungnahme gegen das Unfehlbarkeits- Dogma des Papstes ausspricht, kommt es zum Eklat. Brentano lässt sich vom Priester- und Lehramt entbinden. Bereits ein Jahr danach wird er nach Wien berufen, wo u.a. Husserl, Freud und Rudolf Steiner zu seinen Studenten gehören. Obwohl er inzwischen aus der Kirche ausgetreten ist, darf er (da er schon die priesterlichen Weihen empfangen hat) nach dem bürgerlichen Gesetzbuch in Wien nicht heiraten. Er gibt seine Lehrtätigkeit wieder auf und zieht nach Leipzig, um hier die Ehe zu vollziehen. Als er zurückkehrt, muss er sich auf die unliebsame Stelle eines Privatdozenten beschränken. Nach dem Tod seiner Frau lässt sich Brentano in Florenz nieder und heiratet erneut. Seine zunehmende Erblindung erschwert ihm in seinen letzten Lebensjahren das Arbeiten.