Hans Blumenberg (1920-1996)
Als illusionsloser Aufklärer lehnt Blumenberg wie Foucault, Derrida, Lyotard und Rorty ein Festhalten an der traditionellen Metaphysik ab, ohne aber das menschliche Selbst (die conditio humana) in ästhetischen Strukturen auflösen zu wollen. Der Mensch bleibt bei ihm in einer übermächtigen Welt mit seiner Sorge um sich selbst vielmehr ein bedenkendes Wesen. D.h. ein Daseiender, der im Sinne von Löwith von den grossen Sinnfragen nicht ablassen kann, auch wenn oder gerade weil ein Zuwachs an Erkenntnissen den Kosmos desto sinnloser erscheinen lässt.
  Da Totalitätsfragen als Streben nach Orientierung in einer "rücksichtslosen Welt aus Wasserstoff und Helium" nicht wegzudenken sind, gewinnen für Blumenberg nach der kopernikanischen Wende "absolute Metaphern" wieder an Bedeutung. Obwohl sie als rhetorische Chiffren nicht notwendig sinnstiftend sind, bleiben sie für ihn doch notwendig, weil nur die Metaphorik in der Wissenschaft (z.b. der physikalischen Kosmologie) Strukturen sowie Bilder von der unerfassbaren Wirklichkeit schaffen kann. Die Vernunft der Aufklärer hat für Blumenberg den Mythos nicht überwinden können, da die wissenschaftliche Welt im Gegensatz zu den Mythen keine "Bedeutsamkeit" hervorbringt. Blumenberg, der stets in seinen Texten nach einer Substruktur des Denkens sucht, aktualisiert mit dieser Sicht Cassirers "Individuum und Kosmos". Da er es geschickt versteht, seine Philosophie der symbolischen Formen mit Husserls späten Ansatz von einer Lebenswelt zu verbinden, schafft er mit einer stärkeren lebensweltlichen Fundierung einen Ersatz für eine metaphysische Fundierung.
  Im Gegensatz zu Heidegger, aber auch Adorno und Horkheimer, bei denen die abendländische Geschichte von einem Willen zur Weltverfügung (Mythos des Logos) vorangetrieben wird, sieht Blumenberg in der Geschichte nur das Scheitern von Versuchen, die Welt verstehen zu wollen. In seinem 1966 erscheinenden Buch "Die Legitimation der Neuzeit" begründet er den Rückgang christlich hervorgebrachter Erwartungen mit einer erkennbaren Grund-, Zweck- und Wertlosigkeit sowie Übermächtigkeit der faktischen Wirklichkeit (bei Gehlen ist es die Reizüberflutung). Weil der Mensch immer unterhalb der Schwelle kosmischer Relevanzen lebt und weiterhin leben wird, ist für Blumenberg der Versuch, den Absolutismus der Wirklichkeit zu bewältigen, stets zum Scheitern verurteilt. Bereits die absolute Macht Gottes (potentia absoluta) habe im Mittelalter den Einblick in die Rationalität der Schöpfung verweigert, so dass ein abdankendes Christentum nur ein massloses bzw. überzogenes Wissens- und Sinnbedürfnis hinterlassen konnte, welches sich in der Neuzeit nicht durch Surrogate wie Säkularisate ersetzen lässt. Dennoch wird mit der Selbstbehauptung des Menschen, der (wie schon bei Stirner festgehalten) seine Sache auf ein Nichts gestellt hat, in der wissenschaftlich- technischen Zivilisation für Blumenberg die spätantike Gnosis überwunden.
  Als Halbjude darf der in Lübeck geborene Blumenberg keine deutsche Universität besuchen, so dass er zunächst an der kirchlichen Hochschule in Paderborn studiert. Ab 1942 wird ihm auch dies untersagt. Er wird zum Arbeitsdienst eingezogen und 1945 in das KZ Zerbst interniert, aus dem er jedoch fliehen kann. Nach dem Krieg studiert er Philosophie, Germanistik und klassische Philologie in Frankfurt, Hamburg und Kiel. 1947 promoviert er mit der Arbeit "Beiträge zum Problem der Ursprünglichkeit der mittelalterlich- scholastischen Ontologie" und habilitiert sich drei Jahre später in Kiel mit der Abhandlung "Die ontologische Distanz. Eine Untersuchung über die Krise der Phänomenologie Husserls." In dem 1957 publizierten Aufsatz "Licht als Metapher" legt Blumenberg gegen den pauschalen Vorwurf der Seins-Vergessenheit Heideggers (mit dem er jedoch in Anlehnung an Kierkegaard die Angst als "Intentionalität des Bewusstseins ohne Gegenstand" versteht) seine erste metaphorologische Untersuchung vor. 1958 erhält er eine ausserordentliche Professur in Hamburg und 1960 eine ordentliche Professur in Giessen. Drei Jahre später wird Blumenberg Mitbegründer der Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik". Von 1970 bis 1985 lehrt er als Nachfolger von Joachim Ritter in Münster und zieht sich in dieser Zeit zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück, um seine gewichtigen Bücher (1975 "Die Genesis der kopernikanischen Welt", 1979 "Arbeit am Mythos" und in den 80er Jahren Artikel für die Seite Geisteswissenschaften in der FAZ und für die "Neue Züricher Zeitung) zu schreiben. Nach seiner Emeritierung 1985 erscheinen in dichter Folge "Lebenszeit und Weltzeit" (1986), "Die Sorge geht über den Fluss" (1987), "Matthäuspassion" (1988). Sein epistemologisches Vermächtnis, das 1989 veröffentlichtes Buch "Höhlenausgänge", durchforstet in präzis weit ausholenden Streifzügen durch die Philosophiegeschichte das sinnstiftende Modell der Höhle, in dem sich das menschliche Bedürfnis nach Gewissheit im Ungewissen, nach Geborgenheit in der Weltfremde und nach Sicherheit in einer permanenten Bedrohung immer wieder neu veranschaulicht.