Ernst Bloch (1885-1977)
Um zu einem erweiterten, vom Ökonomismus befreiten Utopie- Begriff zu kommen, geht Bloch von der These eines Noch-Nicht- Bewussten aus, das im Gegensatz zum Freudschen Unbewussten bzw. Nicht-Mehr- Bewussten auf ein angelegtes Potential im unfertigen Sein zielt. Das Seiende in seinem entelechetischen Horizont (Aristoteles) bis zur Kenntlichkeit seines Seins zu verändern, bleibe daher die ständige Aufgabe des Bewusstseins. Damit befindet sich der an Ausbeutung, Entfremdung, Entwurzelung und Einsamkeit leidende Mensch schon immer in einem Geist der Utopie, d.h. im Noch-Nicht- Gewordenen. Orientiert an Aristoteles, nach dem jedes Seiende von seiner Wirklichkeit zur Realisation seiner Möglichkeiten strebt, wird für Bloch das menschliche Streben zur Vollkommenheit seine grundsätzliche Bestimmung.
  Diese metaphysische, ja eigentlich religiöse Perspektive wird von ihm in seinem 1918 veröffentlichten Buch "Geist der Utopie" mit der Marxschen Sozialkonstruktion verbunden und in dem zwischen 1954 und 1959 herausgegebenen opus magnum "Das Prinzip Hoffnung" in enzyklopädischer Breite dargestellt. Bloch kann auf diese Weise nicht nur bei den sozialen und theologischen, sondern auch bei architektonischen Utopien eine paradoxe Einheit von Theologie und Atheismus behaupten. Weitgehend ausgespart bleiben nur ökonomische und technologische Vorstellungen. Die Blochsche kritische Utopie- Vorstellung, die in der Kategorienlehre "Experimentum Mundi" von einer dialektischen Beziehung zwischen einem "Dass" und einem "Was" ausgeht, nimmt damit eine konträre Position zu den Zukunfts- vorstellungen der politischen Ökonomie im Marxismus ein.
  Bloch wächst in einer jüdischen Familie in der Industriestadt Ludwigshafen auf und begeistert sich früh für Kautsky sowie Rosa Luxemburg. Bereits als Schüler korrespondiert er mit Ernst Mach, Eduard von Hartmann und Windelband. Ab 1905 studiert er in München Philosophie, Physik, Germanistik und Musik. In Würzburg promoviert er nach dem sechsten Semester mit einer Arbeit über Rickert in Heidelberg. In Berlin befreundet er sich mit Lukásc und wird bald zum Privatkolloquium von Simmel eingeladen. 1912 reist er nach Heidelberg, wo er zum Kreis um Max Weber gehört. Als überzeugter Pazifist emigriert er mit seiner ersten Ehefrau während des Weltkrieges in die Schweiz und schreibt hier sein Buch "Geist der Utopie", das 1918 erscheint. Im gleichen Jahr wird Bloch in Deutschland Mitglied der KPD. 1922 veröffentlicht er "Thomas Müntzer als Theologe der Revolution". Da er sich öffentlich in der Weimarer Republik gegen die NSDAP ausspricht, emigriert er 1933 wieder in die Schweiz, dann nach Wien, wo er nach dem Tod seiner ersten Frau erneut heiratet. Bis 1938 arbeitet er in der Tschechoslowakei für die Prager Exilzeitschrift "Die Neue Weltbühne". Nach dem Münchner Abkommen entschliesst er sich zur Ausreise nach New York und gründet hier 1938 mit Döblin, Brecht, Feuchtwanger, John Heartfield und Heinrich Mann den Aurora-Verlag. Während seine Frau für den Unterhalt sorgt, arbeitet er an seinem dreibändigen Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung". Nach dem Krieg entscheidet er sich gegen eine Berufung in Frankfurt/ Main und übernimmt die Professur für Philosophie an der Universität Leipzig. Er veröffentlicht 1951 sein Buch "Subjekt- Objekt" und wird Herausgeber der "Deutschen Zeitschrift für Philosophie", in der er sich auch kritisch über die SED äussert. 1957 wird Bloch, den man zuvor noch mit dem Nationalpreis ausgezeichnet hat, wegen seiner Sympathie für den Ungarnaufstand zwangsemeritiert. Als er während einer Vortragsreise in Westdeutschland vom Mauerbau überrascht wird, entscheidet er sich gegen eine Rückkehr in die DDR und übernimmt eine Professur in Tübingen. Zwei Jahre später veröffentlicht er sein Buch "Naturrecht und menschliche Würde", in dem er die Prinzipien des jungen Marx mit dem Naturrechtsgedanken in der Aufklärung verknüpft. 1968 interpretiert er in "Atheismus im Christentum" die Bibel als ein revolutionäres Buch des Humanen und das Reich Gottes zu einem utopischen Begriff. Als Sympathisant der Studentenbewegung protestiert Bloch gegen den Vietnamkrieg. Sowohl die Pariser Sorbonne als auch die Universität Tübingen verleihen ihm die Ehrendoktorwürde. Er wird zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste ernannt und erhält den Sigmund- Freud-Preis für seine wissenschaftliche Prosa.