| Henri Bergson (1859-1941) |
| Für Bergson muss sich die menschliche Wahrnehmung aus einer voluntativen Intuition
ergeben, wenn sie den metaphysischen Aspekt der Wirklichkeit erfassen will. Die blosse Intelligenz begreift für
ihn nur das Starre und Tote, nicht aber das Leben selbst in seiner fliessenden, unzerlegbaren Mannigfaltigkeit.
Im Streit zwischen Mechanisten und Dynamisten nimmt er mit dieser Einstellung Partei für eine nichtdeterministische
Wesenschau, die dem Gedanken der Freiheit direkt mit dem Begriff der Zeit verbindet und wie bei
Klages dem Leben selbst vor dem rein intellektuellen Geist den Vorzug
gibt. In einer zunehmend durch Nützlichkeits- Prinzipien bestimmten Welt- Wahrnehmung gelingt es ihm, mit
den Begriffen der "reinen Dauer (Durée)" und dem "Lebensdrang (élan vital)" ein Denken des
schöpferischen Werdens zu entwickeln, durch das man sich in das Innere der Dinge versetzen kann.
Anhand des Xenonschen Paradoxons von Achill und der Schildkröte (d.h. ihrem unmöglichen Wettlauf) legt Bergson dar, dass sich Bewegungen nur mit der Vorstellung von einer essentiellen und untrennbaren Dauer aus erfassen lassen. Jede punktuelle Momentaufnahme oder mathematische Konstruktion, die auf eine Nulldimension des Jetzt zielt, verfehlt für ihn das Wesen der Dinge. Oder muss wie beim Film --so der Kommentar von Deleuze dazu-- von einer abstrakten Zeit ausgehen, um den Eindruck von Kontinuität räumlich herzustellen bzw. zu simulieren. Hingegen ist die reine Dauer nach Bergson heterogen, einmalig und entsprechend des durchlaufenen Raumes nicht teilbar, da sie in der unmittelbaren Wahrnehmung dem Menschen die Freiheit einer ausgedehnten und unauflösbaren Gegenwart gibt. Mit seiner Annahme, dass die physikalische Zeit (le temps) eine reine Projektion der wahren Dauer im Raum darstellt und als Zeitmessung eine Raummessung ist, wurde Bergson jedoch durch Heidegger (für den sich physikalische Grössen grundsätzlich messen lassen) später widerlegt. Dennoch ist es Bergson gelungen, den Begriff der Zeit von einer Verarmung in den Naturwissenschaften und in der traditionellen Metaphysik zu befreien, da er sie wieder als eine erlebbare Qualität vorstellt. Mit seiner Absage an die experimentelle Psychologie von Fechner, die das Bewusstsein nur von aussen untersucht und in räumliche Vorstellungen einordnet, entwickelt Bergson seinen Begriff des Schöpferischen. Er insistiert dabei auf ein Potential von angelegten und realisierten Möglichkeiten, indem er das Kategorienpaar "virtuell- aktual" gegen den Gegensatz "wirklich- möglich" von Aristoteles behauptet. Für ihn kann dem Wirklichen nicht mehr Realität zukommen als dem Möglichen, da das Wirkliche ja vorweg bereits als etwas Mögliches vorgestellt bzw. gedacht wird. Obwohl Bergson die Wissenschaft mit ihrem positivistischen Ansatz kritisiert, da sie das Schöpferische und die Zeit nicht erfasst, sieht er sie nicht als wertlos an. Eher versucht er in einer Zeit, die mit den Fragen der Relativitäts- Theorie zu einem Umbruch führt, ihre neuen Erkenntnisse mit seiner Konzeption von Geist und Wahrnehmung zu verbinden. Dies auch mit dem Ziel, gegensätzliche Tendenzen des Idealismus und des Materialismus auf eine neue metaphysische Grundlage zu stellen. Primär definiert er die menschliche Gesellschaft und die Geschichte als Teil eines umfassenden Naturprozesses und unterliegt zuweilen der Gefahr einer naturalistischen Verflachung, wenn er beispielsweise mit der Orientierung auf Kant allein der menschlichen Intuition ein Primat zuspricht. Dies bringt ihm zuweilen Vorwürfe des Biologismus oder gar des Präfaschismus ein, die ihm aber keinesfalls gerecht werden, da er im Gegensatz zu Spengler sich u.a. für die Demokratie in einer offenen Gesellschaft erklärt. Bergson, der zu Lebzeiten nicht nur in Frankreich eine grosse Popularität geniesst, hat wie Ludwig Klages und Theodor Lessing mit seinem lebensphilosophischen Denken den Existentialismus um Sartre und die Anthropologische Philosophie um Gehlen vorbereitet. In der Naturwissenschaft haben seine erkenntnistheoretischen Ansätzen ebenfalls Spuren hinterlassen. Als Jude bleibt er während der deutschen Besatzung in seiner Geburtstadt Paris und lehnt die Emigration ab. Ebenso jede privilegierte Behandlung. So stellt er sich selbst nach Lebensmitteln an und zieht sich deshalb eine schwere Erkältung zu, an deren Folgen er stirbt. |